Inklusion an deutschen Schulen:Viele Lehrer sind wütend

"Dass alle Unterschiede letztendlich eine Gemeinsamkeit ausmachen und jeder Mensch einzigartig ist, das ist eine Idealvorstellung. Das Gelingen in der Praxis und in der Schule hängt aber von zwei Säulen ab: Erstens von der finanziellen und materiellen Ausstattung der Schulen und zweitens von der Fortbildung der Lehrer", sagt Bublys. Deutschland leiste sich im OECD-Durchschnitt ein unterfinanziertes Bildungssystem. Auf diese Weise sei die Inklusion an den Schulen kaum zu stemmen.

"Unsere Schule hat sechs Stockwerke und einen Fahrstuhl, andere Schulen haben vier Stockwerke und gar keinen Fahrstuhl. Körperlich eingeschränkte Schüler können sich da gar nicht frei bewegen", sagt Bublys. Hinzu komme die Überforderung von Lehrern im Unterricht, von einer individuellen Förderung der Schüler ganz zu schweigen: "Dieser Forderung kann man gar nicht nachkommen. Wenn ich nur ein autistisches Kind in der Klasse habe, brauche ich schon eine individuelle Betreuung, und die nicht nur im 15-Minuten-Takt, sondern ständig." Das seien völlig neue Ansprüche, für die es bisher nicht die entsprechenden Konzepte, Fortbildungen und Finanzierungsmöglichkeiten gebe.

Unwissenheit auf allen Ebenen

Dass Lehrer das alles in ihrer Freizeit schultern sollen, könne nicht der richtige Ansatz sein. Wer die Inklusion umsetzen wolle, müsse auch die entsprechenden Kosten tragen und Konzepte entwickeln. Ansonsten bleibe das Stichwort Inklusion eine Floskel ohne Inhalt. "Weil die Gelder im Haushalt nach politischen Prioritäten verteilt werden, steht Bildung da traditionell hinten an. Da gibt es Milliarden von Euro für Drohnen und Großprojekte wie Flughäfen. Aber für Bildung und Inklusion ist nicht genug da", so Bublys.

Es sei zwar möglich und auch theoretisch begrüßenswert, die Inklusion an deutschen Schulen umzusetzen. "Lehrer sind lernfähig und anpassungsfähig, ich würde das Projekt deshalb nicht von vornherein zum Scheitern verurteilen." Aber die Lehrer hätten schon so viele Reformen mitgemacht und immer das Gefühl gehabt, damit alleine gelassen zu werden. "Das spielt eine maßgebliche Rolle dabei, dass viele Lehrkräfte auch Angst davor haben und das nicht wollen."

Die Politik sei sich der Tragweite und den Notwendigkeiten für die praxisorientierte Umsetzung nicht bewusst. "Das liegt daran, dass man Politiker selten an Schulen sieht." Die Unwissenheit sei auf allen Ebenen groß, auch bei Eltern, die oft vor allem das Wohl ihrer eigenen Kinder im Blick hätten, und bei Schülern, die auf alles Fremde erst mal skeptisch reagierten. Es gebe zwar einzelne Projekte und auch Schulen, die die Inklusion schon einigermaßen erfolgreich angehen. "Aber das meiste sei "Flickschusterei" und biete kein tragendes Gesamtkonzept für alle, sagt Bublys: "Diese Unsicherheit schürt Ängste."

2009 lebten in Deutschland 9,6 Millionen Menschen mit Behinderungen, davon 7,1 Millionen schwerbehindert. Weltweit haben zehn Prozent eine Behinderung, etwa 650 Millionen Menschen. Diese Zahl wird steigen, durch das Anwachsen der Weltbevölkerung, den medizinischen Fortschritt und die alternde Gesellschaft. Menschen mit Behinderungen leben oft am Rande der Gesellschaft, sie bilden das ärmste Fünftel der Bevölkerung.

Deutschland braucht länger für die Inklusion

Behinderte sind weltweit die größte Minderheit, ihre Menschenrechte sind am meisten gefährdet. In vielen Staaten werden immer noch behinderte Säuglinge getötet, kommt es zu Zwangssterilisation, sexuellem Missbrauch und Medikamentenerprobung. In Deutschland fielen Behinderte während des Nationalsozialismus massenweise der Euthanasie zum Opfer, galten als "unwertes Leben".

"Nach den Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg wollte man es hier besonders gut machen", sagt Sascha Decker. "Das hat dazu geführt, dass fast für jede Behinderung eine eigene Förderschule eingerichtet wurde, von der Schule für geistig Behinderte bis zu der für Blinde. Daraus hat sich eine sehr stark ausgebildete Schullandschaft entwickelt, die ja auch ihre Stärken hat. Bis heute." Allerdings habe dieser Weg auch dazu geführt, dass andere Länder mit der Inklusion heute schon viel weiter seien als Deutschland.

"Deshalb brauchen wir jetzt wohl etwas länger, um unser Schulsystem unter dem wichtigen Gedanken der Inklusion noch mal ganz neu zu denken. Es wird auch künftig noch Fördereinrichtungen neben dem regulären Schulbetrieb geben." Elementar sei aber, so Decker, dass der Gedanke der Inklusion begrüßt, verstanden und umgesetzt, aber nun nicht übers Knie gebrochen werde. "Wir müssen mehr miteinander darüber kommunizieren, und dabei bitte nicht sparen. Damit täten wir dem Inklusionsgedanken keinen Gefallen."

Eine Stadt, in der das große Umdenken schon ganz gut funktioniere, sei Augsburg, sagt Gisela Klaus. Die Schulrätin am staatlichen Schulamt ist unter anderem für Inklusion zuständig. Solange sie noch Schulleiterin war, hat sie das Projekt neun Jahre lang an ihrer eigenen Schule vorangetrieben. Nun entwickelt sie Konzepte, pädagogische Maßnahmen, Hilfen und ein engmaschiges Netz zur Umsetzung der UN-Charta in Augsburg. "Es läuft relativ problemlos", sagt Klaus.

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