Grundschule Darf Werbung an Schulen sein?

Die Grenze zwischen Sportförderung und Werbung an Schulen ist fließend.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Eigentlich nein, aber mit Sportveranstaltungen sieht es etwas anders aus. Agenturen nutzen das.

Von Emilia Smechowski

"Beide Füße auf die blaue Linie... Augen nach vorne... Und los!" Und Peter rennt, so schnell er kann, an den fünf Hütchen entlang und im Slalom zurück zur blauen Linie, und ehe man "Peter rennt, so schnell er kann, an den fünf Hütchen entlang" sagen kann, ist er auch schon wieder da. 15 Meter in 6,1 Sekunden.

In der Turnhalle der Grundschule am Ludwigsfeld in Halle findet heute kein Sportunterricht statt. Das sieht man schon daran, dass auf dem Hallenboden so viele Kabel verlegt sind. Und daran, dass überall kleine Lasermessgeräte verteilt stehen. Vanessa, die das Startsignal gibt, ist auch nicht Peters Sportlehrerin. Sie jobbt als Studentin für das Unternehmen "speed4", das kostenlose Laufwettbewerbe an Schulen ausrichtet. Im Ziel drückt sie jedem Kind einen Zettel in die Hand, der aussieht wie ein Kassenbon. "Du musst deinen ZuBz gut festhalten, Peter!", sie schaut Peter dabei in die Augen. "ZuBz" steht für "Zeit- und Belohnungszettel".

Flexmodul Heft 2

Dieser Text stammt aus dem Magazin "Süddeutsche Zeitung Familie".

Themen des aktuellen Heftes: Wie wir die Lust am Lesen wieder finden | Warum so wenig Männer sich sterilisieren lassen | Wie Firmen an Schulen werben

Hier bestellen!

Die Speed4-Läufe werden von Werbepartnern finanziert. Hier in Halle kommt das Geld von einem großen Einkaufscenter und einem Supermarkt. Das Finale findet dann dort statt und für die Bons, auf denen die jeweilige Laufzeit des Kindes steht, gibt es dort Geschenke.

Man kann sich also darüber streiten, ob das, was hier stattfindet, tatsächlich Sportförderung ist - oder nicht vielleicht doch schon Werbung. Von "Bildungskommunikation" sprechen die Agenturen, die die Wettbewerbe veranstalten, denn Werbung an Schulen ist eigentlich verboten. In Deutschland gibt es derzeit etwa zehn solcher Agenturen. Der Markt wächst.

Manch unterfinanzierte Schule nutzt diesen Graubereich gerne. Pharmafirmen oder Banken entwickeln daher Unterrichtsmaterialen, die sich Lehrer kostenlos herunterladen können. Oder die Unternehmen kommen direkt in die Schule, werben für Obst oder organisieren Sportveranstaltungen.

Was als Sportförderung daher kommt, ist: Werbung

Die Organisation "Lobbycontrol" kritisiert die Einflussnahme von Unternehmen auf Schulen schon seit Jahren. Ihrer Meinung nach verfolgen Dienstleister wie die Agentur "Speed4" unter dem Vorwand einer vermeintlich guten Sache - der Bewegung - ein anderes Ziel: Die Kinder als Kunden zu werben.

Das zuständige Landesschulamt Sachsen-Anhalt hält dagegen: Die Schulleitungen könnten selbst entscheiden, ob sie Sponsoren einladen. Von "Speed4" habe man noch nichts gehört, man werde die Sache prüfen.

Drei Tage später, mittags um kurz vor eins. Eine Mutter mit einem Bündel Bons in der Hand sagt, ihr Kind sei doch noch viel zu jung, um zu merken, dass das Werbung sei. Die Bons hat ihre Tochter aus der Schule mitgebracht. Sie kann sie gegen einen Wasserball der hiesigen Supermarktkette eintauschen, gegen eine Taschenlampe, einen Kuli, eine Frisbeescheibe, alles gesponsert vom Einkaufscenter. "Und das können wir uns einfach so nehmen?", fragt ein Junge. "Geil."

Lesen Sie die ausführliche Geschichte mit SZ Plus:
Schule Rennen für Speedy

Trotz Werbeverbot

Rennen für Speedy

Werbung an Schulen ist verboten, doch Sportfeste sind ein Graubereich. Agenturen nutzen ihn. Das Finale findet dann im Einkaufszentrum statt.   Von Emilia Smechowski