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Affäre in Australien:"Ein Versuch, uns und andere einzuschüchtern"

Australische Wissenschaftler solidarisieren sich mit ihm: Gerd Schröder-Turk, Physikprofessor in Perth.

(Foto: Murdoch University)

Gerd Schröder-Turk lehrt Physik in Perth - und kritisierte im Fernsehen die eigene Hochschule für Geschäfte mit indischen Studierenden. Nun verklagt ihn die Uni wegen eines Millionenschadens.

Gerd Schröder-Turk erforscht die Nanogeometrie von Schäumen und biologischen Strukturen. Dafür hat der Physiker etliche Preise gewonnen, doch über die universitären Zirkel seines Fachgebiets war sein Ruf bislang kaum gedrungen.

Nun aber ist der Wissenschaftler aus Deutschland in Australien ins Zentrum einer Affäre geraten, die die akademische Welt des Landes in Aufruhr versetzt hat. Die Murdoch University in der westaustralischen Metropole Perth hat eine bisher einzigartige Klage gegen ihren außerordentlichen Professor angestrengt, bei der es um Millionen geht. Der Grund: Schröder-Turk hatte öffentlich Missstände bei der Auswahl internationaler Studenten an Australiens Unis benannt - auch an der eigenen.

In der Sache geht es um ein Milliardengeschäft. 400 000 Studenten aus dem Ausland waren Ende 2018 an Australiens Hochschulen eingeschrieben, doppelt so viele wie noch zehn Jahre davor. Die meisten kommen aus Asiens aufstrebenden Staaten wie China und Indien, insgesamt pumpen die Bildungshungrigen aus Übersee umgerechnet jährlich mehr als 20 Milliarden Euro in die australische Volkswirtschaft. Nur mit dem Export von Kohle und Erzen verdient das Land noch mehr.

Doch die Erfolgsgeschichte hat auch dunkle Seiten. Im Mai zeigte die Sendung "Cash Cows" im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ABC, wie einige Hochschulen die ausländischen Studenten wie Melkkühe ausbeuten. Kern des Vorwurfs: Um die Kürzungen staatlicher Zuwendungen auszugleichen, warben Universitäten über Agenturen zahlende Studenten vor allem aus Nordindien an. Damit möglichst viele kommen, sollen laut Recherchen des Senders bei vielen Bewerbern die Standards für die Uniaufnahme gesenkt worden sein. Viele, so legen von der ABC zitierte E-Mails aus der Murdoch-Universität nahe, mussten nicht einmal Sprachtests ablegen. Ergebnis: Die Zahl der Übersee-Studenten hat sich seit 2015 fast verdoppelt.

Wegen seiner Kritik könnte Schröder-Turk der eigenen Uni bald vor Gericht gegenüberstehen

Die Folgen zeigen sich in den Seminarräumen. "Viele dieser Studenten sind einfach nicht in der Lage zu verstehen, was in den Kursen gesagt wird", erzählt der Mathematiker Duncan Farrow, einer von drei Murdoch-Hochschullehrern, die in "Cash Cows" zu Wort kommen. Laut ABC sind die Durchfallquoten in den von den Übersee-Studenten frequentierten Studiengängen dramatisch angestiegen. Schröder-Turk sagte in der Sendung, er sei um das Wohlergehen dieser Studenten und die Integrität des Hochschulsystems besorgt: "Studenten aufzunehmen, die nicht die richtigen Voraussetzungen und nicht die korrekten Sprachfähigkeiten haben, setzt sie dem Scheitern aus. Das ist nicht das, was eine Universität tun sollte." Es gebe kaum Zweifel, dass der Zuwachs bei den internationalen Studenten "ein gewünschtes Ergebnis war, um das Budget aufzubessern".

Zwei Tage später kündigte die Uniführung an, Schröder-Turk aus dem Leitungsgremium der Hochschule, dem Senat, zu entfernen, wo er als gewählter Vertreter des akademischen Personals sitzt. Schröder-Turk klagte dagegen und berief sich auf ein Gesetz zum Schutz von Whistleblowern. Nun präsentierte die Universität dem Gericht eine in Australien nie da gewesene Gegenklage gegen ihren Professor und verlangte Schadenersatz. Der Rufschaden durch die Sendung habe dazu geführt, dass im zweiten Semester 2019 die Zahl der Übersee-Studenten 14,8 Prozent unter Plan gelegen habe, was einen Einkommensverlust "im Bereich von Millionen Dollar" auslösen könnte.

"Es ist ein Versuch, uns und andere einzuschüchtern", sagt Schröder-Turks Kollege Farrow, der selber außer einem Beratungsangebot zur Stressbewältigung - wegen seines Kontakts zu Medien - nach der Sendung nichts mehr von seinem Arbeitgeber gehört hat. Unter Australiens Akademikern löste das Vorgehen der Universität einen Sturm der Entrüstung aus. Spitzenforscher aus dem ganzen Land forderten in einem Brandbrief die Hochschule auf, ihre Klage zurückzuziehen, ein Gastprofessor beendete aus Protest seine Lehrtätigkeit bei Murdoch, die Gewerkschaft der Hochschulbeschäftigten startete eine Kampagne mit Bildern, auf denen Hunderte Uniangestellte Schilder mit der Aufschrift "Ich stehe hinter Gerd" in die Kameras halten. Auch die Abteilungen für Physik und Mathematik der Universität Erlangen, an der Schröder-Turk habilitiert hat, drängten die Murdoch-Universität in offenen Briefen, ihre Klage fallen zu lassen.

In Perth ist ein vom Richter angeordnetes Mediationsverfahren nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gescheitert. Mit Schröder-Turk konnte die SZ wegen einer richterlichen Schweigeverpflichtung nicht sprechen. Ein Unisprecher beantwortete eine Anfrage mit nur einem Satz: "Die Murdoch-Universität ist den Werten der Redefreiheit und der akademischen Freiheit verpflichtet."

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