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Personalnot in Kitas:Die Kleinen und das Geld

Lena Ponta hatte nach dem Abitur keine Ahnung, was sie machen sollte. Heute arbeitet die 23-Jährige als Erzieherin in einer Münchner Kinderkrippe – und ist überzeugt, dass sie den richtigen Beruf für sich gefunden hat.

(Foto: Stephan Rumpf)

Rund 100 000 Erzieher fehlen in Deutschland. Spezielle Programme werben nun um Quereinsteiger und versprechen ihnen sogar, was Erzieherinnen während der Ausbildung sonst vorenthalten bleibt: eine Vergütung.

Lena Ponta kann sich an diesem Morgen gar nicht retten vor den Kleinen. Die Erzieherin hat vorgeschlagen, "Karlchen geht einkaufen" vorzulesen. Und schon sind die Jungs da: Der eine schlurft zur Couch, die anderen hüpfen, ja rennen, um Lena nur ja ganz nahe zu sein. Dann geht es los. Nicht nur die Kinder, auch Ponta hat großen Spaß.

Die 23-Jährige ist überzeugt, dass sie den richtigen Beruf gefunden hat. "Dabei hatte ich nach dem Abitur keine Ahnung, was ich machen soll", erzählt sie. So entschied sie sich erst einmal für ein freiwilliges soziales Jahr in einer Kinderkrippe. Dort fühlte sie sich so wohl, dass sie sich nach einer geeigneten Ausbildung als Erzieherin umsah. Allerdings wollte sie nicht nur Kinder bespaßen, sondern auch das theoretische Wissen hinter dem Beruf so gut wie möglich vermittelt bekommen. Die Studiengänge zur frühkindlichen Bildung jedoch sagten ihr nicht zu. Dann stieß sie bei ihrer Suche im Internet auf das Optiprax-Modell und dachte: Das ist es!

Verkürzte Ausbildung? "Verdichtet" treffe es besser, sagt eine Ausbilderin

Die "Erzieherausbildung mit optimierten Praxisphasen", wie das bayerische Modell offiziell heißt, war damals, 2016, noch ein Versuchsballon. Geschaffen wurde es für Abiturienten wie Ponta oder Quereinsteiger aus anderen Berufen. Optiprax führt in drei statt fünf Jahren zum Erzieherberuf und soll, wie andere praxisintegrierte Ausbildungen (PIA) in Deutschland, durch eine Ausbildungsvergütung den Einstieg attraktiver machen. Das ist dringend notwendig. Derzeit fehlen in Deutschland nach Schätzungen der Bertelsmann-Stiftung rund 100 000 Erzieher.

Laut "Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019" des Deutschen Jugendinstituts und der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (Wiff) ist es nicht unbegründet, darauf zu hoffen, dass solche praxisintegrierten Ausbildungen Gruppen zum Erzieherberuf locken, die früher gar nicht daran dachten. Eine Prognose zur Fachkräftegewinnung der Prognos AG geht davon aus, dass 0,5 Prozent der 18- bis 20-Jährigen eine Erzieherausbildung aufnehmen würden, wenn diese vergütet wäre. "Damit könnte ein Plus von 31 000 Personen bis zum Jahr 2025 erreicht werden", sagt Wiff-Leiterin Kirsten Fuchs-Rechlin. Allerdings könne nicht ausgeschlossen werden, dass durch Optiprax und Co. ein "Kannibalisierungseffekt" eintrete, also junge Menschen, die ohnehin Erzieher werden wollten, statt in die traditionelle Ausbildung in die duale gehen.

Ganz klassisch – ohne Gehalt

Viele Wege führen zu einem Job in der Kita - auch Studiengänge. Doch der "klassische" Weg ist immer noch die Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher. In der Regel absolviert man zunächst an einer Berufsfachschule eine zweijährige Ausbildung zum Kinderpfleger oder Sozialassistenten; für einen Job in der Kita ist man damit bereits qualifiziert. Anschließend kann man sich an einer Fachschule oder Fachakademie für Sozialpädagogik, Oberstufenzentren oder Berufsfachschulen für Sozialwesen zum staatlich anerkannten Erzieher weiterbilden. Abiturienten können nach einem Praktikum gleich in die Erzieherausbildung einsteigen. Die Dauer der Ausbildung variiert je nach Bundesland zwischen zwei und fünf Jahren.

Für diesen "klassischen" Weg gilt, dass kein Gehalt gezahlt wird. Einige Fachschulen erheben sogar noch Schulgeld. Wenn die Schüler während der Ausbildung nicht mehr zu Hause wohnen, können sie allerdings Bafög beantragen. Der Fachkräftemangel aufgrund des kontinuierlichen Kita-Ausbaus hat die Kultusministerien in den vergangenen Jahren allerdings dazu bewogen, das Ausbildungssystem umzugestalten und dadurch auch für Quereinsteiger oder Abiturienten attraktiver zu machen.

Angeboten werden nun auch verkürzte und vergütete Ausbildungswege, die attraktiver sind. Damit sollen neue Zielgruppen erschlossen werden. Teil dieser Strategie sind die sogenannten Praxisintegrierten Ausbildungen wie zum Beispiel das bayerische Optiprax-Modell. Edeltraud Rattenhuber

Optiprax wurde im Schuljahr 2016/17 in Bayern als Modellversuch gestartet. Lena Ponta ist eine der ersten Absolventinnen, die die Ausbildung an der Städtischen Fachakademie für Sozialpädagogik in München abgeschlossen haben. So viele Interessenten hatten sich beworben, dass Ponta zunächst nur auf die Warteliste kam. "Ich war erst mal enttäuscht", erzählt sie. Doch letztlich hatte sie Glück, rückte nach, und fühlt sich heute bestens ausgebildet. Eine herkömmliche Erzieherausbildung hätte sie "100-prozentig nicht gemacht. Das wäre unattraktiv gewesen für mich, und ich hätte es mir auch nicht leisten können und wollen".

Doch neu ist nicht nur die Ausbildungsvergütung, auch der Lehrplan wurde für Optiprax reformiert. So wechseln sich im Unterricht Praxis- und Theoriephasen ab: Erst sind die Schülerinnen und Schüler zwei Wochen in Krippe, Kindergarten, Hort oder Tagesheim, dann zwei Wochen in der Schule. Das ist anspruchsvoll. Jutta Nachtmann, Lehrkraft an der Städtischen Fachakademie für Sozialpädagogik in München, sagt, "ich schlucke immer, wenn ich lese, das Optiprax-Modell sei eine verkürzte Ausbildung". Das Wort "verdichtet" sei viel treffender. Im Gegensatz zu den bisherigen Lehrgängen an der Fachakademie, wo eine Erzieherausbildung insgesamt fünf Jahre dauert, hätten die Absolventen keine Schulferien, sondern nur 30 Tage Urlaub im Jahr. "Das ist nicht für alle geeignet", sagt Nachtmann. Auch mit den zwei Ausbildungsorten müsse man zurechtkommen.

Auch Ulrike Dümlein-Diem, die Leiterin der Münchner Krippe, in der Lena Ponta arbeitet, sieht Optiprax als große Herausforderung für die Auszubildenden. Derzeit leitet sie zwei Optiprax-Schüler im zweiten Jahr in der Krippe an. Sie selbst hat nach dem Abitur und einem abgebrochenen Lehramtsstudium für Mathe und Physik die traditionelle Erzieherausbildung gemacht und stellt fest, dass den Optipraxlern vor allem das Jahr Praktikum am Ende und am Anfang fehle. "Bei Optiprax-Auszubildenden hat man die totale Bandbreite, jeder bringt etwas anderes mit", sagt sie. Dass ein Quereinsteiger mit abgeschlossenem fachfremdem Studium zwangsläufig mehr Erfahrung mit Kindern hat als ein 19-jähriger Abiturient, bezweifelt sie. Das Problem am Beruf Erzieher sei schon immer gewesen, "dass es eigentlich jeder kann" - oder zumindest zu können meine. Den Unterschied vom kinderfreundlichen Blick zur professionellen Begleitung müsse hier jeder lernen. Und das gelinge nur mit einer guten Ausbildung, sagt Dümlein-Diem.

An der Staatlichen Fachakademie in München, wo Lena Ponta gelernt hat, war die Ausbildung offenbar gut. "Von den ersten Absolventinnen und Absolventen blieben alle im Beruf", sagt Nachtmann stolz. Unter ihnen waren neben Abiturienten auch Lehrer, Lehramtsstudienabbrecher oder Quereinsteiger mit anderen Studienabschlüssen - Bankkaufleute, Mechatroniker, Förster und: mehr Männer als sonst, also mehr als ein Drittel. "Der Andrang war groß", sagt die promovierte Psycholinguistin Anna Winner, die mit Nachtmann an der Fachakademie den Lehrplan neu konzipierte.

Die beiden Lehrkräfte wollten, dass das Modell ein Erfolg wird, und verhandelten daher hart mit der Stadt München, der Trägerin der Akademie, um optimale Ausbildungsbedingungen. So wurden die Optiprax-Auszubildenden in jeder Einrichtung "on top" beschäftigt, also nicht in den Stellenschlüssel eingerechnet. Das wurde zugesagt - selbst wenn nicht immer dafür garantiert werden konnte, dass das in Ausnahmefällen wegen Personalmangels auch tatsächlich so sein würde.

Grundschulkinder sollen von 2025 an Anspruch auf einen Hortplatz haben, der Fachkräftebedarf steigt weiter

Der 23 Jahre alte Lukas Biehler, mit Lena Ponta ein Absolvent der ersten Stunde, wurde während seiner Ausbildungszeit durchaus wegen Personalmangels mit Anforderungen konfrontiert, die Auszubildenden eigentlich nicht zuzumuten sind. "Natürlich habe ich dann manchmal Sachen übernommen, die ich noch nicht kannte", erzählt er. Doch er sagte auch: "Stopp, ich übernehme hier zu viel Verantwortung."

Biehler arbeitet heute wie seine ehemalige Mitschülern Ponta in einer Krippe, fühlt sich aber "selbstbewusst genug, mir jetzt alles zuzutrauen, inklusiv, integrativ, Hort, Krippe, die Arbeit mit Jugendlichen". Die beiden stellen der Ausbildung ein sehr gutes Zeugnis aus, was aber auch an dem speziellen Modell an der Fachakademie in München liegen kann.

Verena Maier, die ihren echten Namen hier nicht lesen will, hat in der Ausbildung an einer anderen Akademie in Oberbayern dagegen eher schlechte Erfahrungen gemacht. Sie fühlte sich im Unterricht unterfordert, was aus ihrer Sicht daran lag, dass die Lehrpläne nicht auf die neue Zielgruppe angepasst wurden. Als eine Gruppe der Auszubildenden sich bei den Lehrern darüber beschwerte, hieß es, neue Lehrinhalte zu entwickeln und den Unterricht umzustellen, koste Zeit, doch die werde ihnen nicht vergütet. Maier hält es aber für absolut notwendig, den Lehrplan zu entschlacken und auf ein höheres Niveau zu heben, wenn man Abiturienten bei der Stange halten wolle.

Wiff-Leiterin Kirsten Fuchs-Rechlin teilt diese Einschätzung. "Soll die vollzeitschulische Ausbildung nicht einfach nur durch die praxisintegrierte ersetzt werden, sondern tatsächlich ein 'Mehr' an Schülerinnen und Schülern bringen, dann müssen auf Fachschulebene Ressourcen für eine Erhöhung der Ausbildungskapazitäten bereitgestellt werden", sagt sie. Dies schließe auch die Zahl gut ausgebildeter Lehrkräfte ein. "Hier scheinen die Fachschulen an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen zu sein." Gewährleistet werden müsse außerdem eine gute Begleitung der Schüler an beiden Lernorten. Sollen die Schüler von einer stärkeren Praxisintegration profitieren, braucht es auch eine Erhöhung der Ressourcen für die Begleitung in den Kitas selbst - was andererseits bedeute, dass die Fachkräfte dort mit einer weiteren Aufgabe "belastet" würden.

Trotz aller Zusatzarbeit hält es Krippenleiterin Ulrike Dümlein-Diem allerdings angesichts des Fachkräftemangels in ihrem Beruf grundsätzlich für gut, dass es so viele Zugänge zum Beruf gibt. "Für mich ist das der perfekte Kompromiss", sagt sie. Ob Modelle wie Optiprax den Personalmangel aber lösen werden? Dümlein-Diem zweifelt. Der Bedarf an Fachkräften steigt weiter an, für Grundschulkinder soll es von 2025 an einen Anspruch auf einen Hortplatz geben. Und dass alle Optipraxler nach der Ausbildung im Beruf bleiben, ist ebenfalls nicht sicher.

Lena Ponta jedenfalls schließt nicht aus, dass sie doch noch irgendwann studieren wird. Was nicht schlecht sein muss. Lukas Biehler hält eine weitere Akademisierung des Berufs sogar für unabdingbar. Gar nicht so sehr um des Gehaltes willen, sondern vielmehr, um das Berufsfeld aufzuwerten. "Man muss deutlich machen, dass der Beruf wichtig ist für die Gesellschaft, dadurch steigt auch die Wertschätzung", sagt Biehler.

© SZ vom 09.03.2020
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