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Dokumentation:Waldorfschule zum Zugucken

Um Waldorfschulen ranken sich viele Mythen und Vorurteile. Ein Dokumentarfilm zeigt: Tatsächlich ist dort viel Trallala, aber vielleicht ist das auch sinnvoll.

Von Larissa Holzki

"Erst schön, noch schön, nicht grölen" ruft eine Stimme aus dem Off. Auf der Bühne einer Schulaula schunkeln und singen etwa dreißig 15-Jährige in Röcken und Pluderhosen: "Drum sag' ich's noch einmal: Schön ist die Jugendzeit".

Während die Gymnasiasten der achten Klasse in Bayern gebrochen-rationale Funktionen, den Bau der menschlichen Geschlechtsorgane und die englischen Possessivpronomen durchnehmen, machen die Waldorfschüler in Landsberg am Lech trallala? Offenbar kann auch Schauspiel ein Weg sein, der zum Schulabschluss führt.

Im dritten Teil ihrer Langzeitdokumentation über Waldorfschüler, Auf meinem Weg, zeigt Maria Knilli die Schuljahre sieben und acht. Die Dokumentarfilmerin hat sich gefragt, wie Menschen lernen und was sie dazu brauchen. "Die Tatsache, dass man an einer Waldorfschule eine Gruppe findet, die vom sechsten bis zum 15. Lebensjahr zusammenbleibt und zusammenlernt, war dafür einmalig", sagt Knilli. Nach dem Gesamtschulprinzip werden Waldorfschüler unabhängig von ihren Ergebnissen zusammen unterrichtet - und das in den ersten acht Jahren hauptsächlich von einer Bezugsperson. Schreiben, Tier- und Menschenkunde, Physik, Chemie und vieles mehr lernen sie mit ihrem Klassenlehrer.

Nun ist es nicht gerade gesellschaftlicher Konsens, dass Waldorfschüler besonders viel lernen würden. Der Film ermöglicht auch einen Einblick in die sagenumwobene Waldorfwelt, in der Kinder angeblich ihren Namen tanzen. In Landsberg am Lech sieht sie aus wie ein kleines Dorf aus rosafarbenen Häuschen. Die Schüler der siebten und achten Klasse hören dort die Geschichte von Christoph Columbus, sie graben den Schulgarten um, schnitzen Holzfiguren, kochen für ihre Mitschüler und spielen Theater. Lernen, den Eindruck bekommt der Zuschauer, wird an Waldorfschulen zumindest weiter gefasst als an der Regelschule: Gelernt wird nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Händen, Füßen und Gefühl.

Die Kinder geben den Lehrplan vor

Was jedoch auch gesagt sein muss: Der Film zeigt einen Überblick über die Besonderheiten der Waldorfschule und bildet nicht das gesamte Schulleben ab. "Die Grammatik-Übstunde in der siebten Klasse habe ich nicht reingenommen, weil sie sich nicht von dem unterschieden hat, was ich aus dem Gymnasium kannte", sagt Dokumentarfilmerin Knilli.

Die Waldorfschule wehrt sich nach Kräften, ihre Inhalte und Gestaltung an die Erfordernisse der Wirtschaft anzupassen. Zwar müssen die Schüler am Ende der Schulzeit auf die staatlichen Abschlussprüfungen vorbereitet sein, doch was sie wie und wann in den Jahren zuvor lernen, soll sich an der natürlichen Entwicklung und den Bedürfnissen des individuellen Kindes orientieren und nicht an internationalen Leistungsvergleichen.

Wie die körperliche Entwicklung und der Unterrichtsstoff in der Mittelstufe zusammenspielen können, beschreibt Henning Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen mit einem Beispiel: "Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, fahren sie mit ihren Gefühlen nicht selten Achterbahn und können in einem Moment in totale Erschlaffung verfallen, nur um im nächsten Augenblick wieder mit voller Energie in die Welt loszuziehen", sagt er. Dann sei es unglaublich toll, wenn die Kinder über einen längeren Zeitraum intensiv Chemieunterricht haben, "wo es kracht und zischt und die sehen: man kann so etwas auch beherrschen!" Das innere Erleben wird im Stoff nacherlebt.

Wie gut die Schule ist, hängt vor allem vom Lehrer ab

Dass Christiane Umbach, die Klassenlehrerin im Film, die Schüler jeden Tag mindestens zwei Schulstunden und in verschiedenen Fächern unterrichtet, ermöglicht ihr, die Kinder und ihre verschiedenen Talente sehr gut kennenzulernen. Dabei entsteht eine Beziehung zwischen ihr und den Schülern, die man an einer Regelschule kaum findet. "Weißte", sagt ein Junge zu ihr, der sich über das Arbeitsverhalten eines Mitschülers beschweren will, "ich mach halt auch ein bisschen was anderes, aber ich mach halt dabei mit." Und die Lehrerin, die sonst sehr eloquent formuliert, kann ihre Schüler auch mal deutlicher zum Schweigen auffordern: "Jonas, halt die Klappe, bitte."

Für Maria Knilli ist die Antwort auf die Frage, was Kinder zum Lernen brauchen, nach jahrelanger Beobachtung vielleicht auch deshalb: eine intensive Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. "Ich brauche Vorbilder, ich brauche Leute, die sich für mich interessieren", sagt die Filmemacherin. Alle Beteiligten wissen aber auch: Eine Schule ist immer so gut und so schlecht wie die Persönlichkeiten, die dort arbeiten - das gilt auch für Waldorfschulen, an denen vor allem die Klassenlehrer eine wichtige Rolle spielen und viele Freiheiten haben. Der Film zeigt die Biographie einer speziellen Klasse und ihrer Lehrerin, er kann nicht für alle Schulklassen stehen.

Und so ist die Waldorfwelt vielleicht auch nicht überall so familiär wie in der Klasse von Frau Umbach. Trotzdem gilt sie als behütet und immer wieder stellt sich die Frage, ob die Schüler draußen und ohne ihre Lehrer klarkommen. An der Waldorfschule geht man davon aus, dass die Kinder sich von allein abnabeln, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. "Wenn man seinen Unterricht in jüngeren Klassen gut macht, dann lieben und verehren einen die Kinder. Wenn sie durch die Pubertät gehen, haben sie das dringende Bedürfnis, sich zu emanzipieren" erklärt Henning Kullak-Ublick.

Auch wenn der Film die entscheidenden Jahre vor dem Übertritt ins Arbeitsleben nicht zeigt: Es wird deutlich, dass die Schule auch darauf vertraut, dass die Kinder mit den Erfordernissen der modernen Welt klarkommen, wenn sie das Lernen lernen, sich mit den Händen selbst zu helfen wissen, Urteilsfähigkeit und Selbstbewusstsein entwickeln. Kritiker hingegen werfen der Reformschule immer wieder vor, mit mittelalterlichem Handwerksunterricht nicht zeitgemäß auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Handwerksunterricht kommt nicht aus der Mode

Henning Kullak-Ublick sieht das anders: "Was ich feinmotorisch mit meinen Händen tun kann, hat sehr, sehr viel zu tun mit dem, was ich mit meinem Kopf machen kann." Das zeige die Hirnforschung. Und auch die Inszenierung von Shakespeare-Stücken sei pädagogisch hochaktuell: "Ein gutes Theaterstück erzählt vom Drama des Lebens", sagt Kullak-Ublick. Die Erfahrungen auf der Bühne sind intensiver als im Klassenzimmer. "Wenn man sich in eine Rolle hineinversetzt, lernt man, von sich selber mal abzusehen und etwas aus einem ganz anderen Blickwinkel zu erleben", sagt er. Eine wichtige Fähigkeit, die vielen Menschen heute fehle.

Auf meinem Weg wird am Dienstag, 16. Mai, ab 22.30 Uhr im BR-Fernsehen ausgestrahlt. Anschließend ist der Film, wie die ersten beiden Teile der Dokumentation, die die Klassenstufen eins bis drei (Guten Morgen, liebe Kinder) und vier bis sechs (Eine Brücke in die Welt) zeigen, in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks zu sehen und auf DVD erhältlich.

© SZ.de/mkoh/dd
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Waldorfschule: Larissa Holzki

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