Bologna-Reform Nur ein Bierdeckel

Als "Bürokratiemonster" bezeichnet der Soziologe Stefan Kühl die europäische Studienreform und regt an, sie zu vereinfachen. Dabei sollen wichtige Aspekte auf einen Bierdeckel passen - eine Idee, die schon mal Furore auslöste.

Von Johann Osel

Der Bierdeckel ist ja in der Politik zum geflügelten Wort geworden. Vor zwölf Jahren präsentierte der CDU-Politiker Friedrich Merz ein Steuerkonzept - derart einfach, dass die Eckpunkte auf einem Bierdeckel Platz hätten. Nun gelangt die Idee in die Hochschulpolitik. Die Bologna-Studienreform sei zu einem "Bürokratie-Monster" verkommen, schreibt aktuell der Bielefelder Soziologie-Professor und bekannte Bologna-Kritiker Stefan Kühl in einem Beitrag für das DSW-Journal der Studentenwerke. Seine Idee: eben Bologna auf dem Bierdeckel. Man könne die Reform auf "eine einzige Vorgabe reduzieren" - dass das Studium an einer europäischen Hochschule grundsätzlich zweistufig ist, also ein Bachelor als erster Abschluss nach frühestens drei Jahren und ein Master als Option. Alles andere bliebe den Unis überlassen.

In der Politik werde "lediglich an den Symptomen herumgedoktert, anstatt eine notwendige Reform der Reform in Angriff zu nehmen", meint Kühl. So müssten Inhalte oft aufwendig in Modulstrukturen gepresst werden, damit sie dem neuen Leistungspunktesystem entsprechen. Hintergrund: Wurde früher im Diplom-System nur die Zeit etwa eines Seminars in Stunden erfasst, wird mit der Punkte-Währung (ECTS) auch der Aufwand für die Vor- und Nachbereitung taxiert. Ein Student belegt heute Module und sammelt Punkte, Semester für Semester. Viele der Module werden benotet und fließen in die Abschlussnote ein. Darüber hatte sich bei den Studentenprotesten 2009 Frust entladen; die jungen Leute klagten über das enge Bachelor-Korsett und die Belastung. Zuvor hatten viele Unis einfach die Inhalte des alten Studiums in den kürzeren Bachelor überführt- auch weil Professoren oft darauf pochten, dass in ihrem Fach keine Abstriche gemacht werden. Nach den Protesten wurde manches gelockert. Politische Vorgaben wie das ECTS-System blieben.

In der Sozialerhebung des Studentenwerks zeigten sich Hochschüler zuletzt aber etwas zufriedener, manche Maßnahmen nach den Protesten scheinen zu fruchten. 48 Prozent der Befragten erachten die zeitliche Belastung im Studium als "hoch oder zu hoch". Im Vergleich zur Erhebung 2009 ist der Anteil zwar gesunken - um acht Prozentpunkte. In einer Umfrage des studentischen Dachverbands fzs stimmten jedoch fast zwei Drittel der Befragten der These zu, ihr Studium sei "zu verschult". Das deckt sich mit Stefan Kühls Ansicht: "Studieren verlangt allen Beteiligten einiges ab: den Universitäten eine hochkomplexe Logistik, den Studierenden ausgeprägte bürokratische Fähigkeiten".