Bibliotheken Ein Königreich für ein Buch

Mehr als nur ein Schriftenfriedhof: Die deutschen Bibliothekare ersehnen sich eine Auffrischung ihrer Häuser. Am Vorbild Dänemark erkennen sie, wie man die Segnungen der Moderne in Bildung ummünzen kann.

Von Thomas Hahn

Vom Schwarzen Diamanten aus sind es nur ein paar Schritte bis in die Vergangenheit. Kristian Ebstrub Jacobsen geht voraus. Seine kleine Führung durch die Dänische Königliche Bibliothek in Kopenhagen ist auch eine Art Zeitreise. Gerade hat Jacobsen, ein schmaler und in jeder Beziehung heller Student, von der Empore im jüngsten Gebäude der Bibliothek hinunter gezeigt in die lichtdurchflutete Lobby, auf surrende Rollsteige und futuristisch geschwungene Mauern. Er hat berichtet, dass der Schwarze Diamant, wie die Dänen diesen Bau von 1999 wegen der dunklen Fassade aus simbabwischem Granit nennen, mit seiner dynamischen Architektur für den Vorwärtsgeist der Bildungsgesellschaft stehen solle. Jetzt weist er den Weg über eine Brücke hinüber zum sachlichen Anbau der Sechzigerjahre. Und weiter zum ältesten Teil der Bibliothek, der schon 1906 fertig wurde. Es riecht nach vergilbten Büchern. Und es ist, als sei dieser ganze Ort des Wissens und der Forschung ein Denkmal für den Umstand, dass der Fortschritt dem Alten eine ganz neue Strahlkraft geben kann.

Pflichtaufgabe sind Bibliotheken nicht - man kann leicht sparen, kann auf Investitionen verzichten

Es sind tolle Zeiten für das Bibliothekswesen. Das digitale Zeitalter hat sich wie ein Zauber über das Reich der Bücher und Folianten gelegt und ihm ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Per Mausklick sind heute Expeditionen in andere Epochen möglich, für die Wissenschaftler vor wenigen Jahrzehnten noch weite Reisen unternehmen und komplizierte Anträge stellen mussten. Dank moderner Technik können Profi- oder Hobbyforscher heute vom Schreibtisch aus Jahrhunderte alte Schriften im Original lesen und sogar nach Begriffen durchsuchen.

Nicht jede Entwicklung der digitalen Revolution muss man sympathisch finden. In San Antonio/Texas steht die erste Bibliothek Amerikas, in der es gar keine Bücher mehr gibt und die damit auch eine etwas kühle Cyberspace-Atmosphäre angenommen hat. "Sie sieht einem Apple-Store sehr ähnlich", notierte mal die Nachrichtenagentur AP. Aber was macht das schon, wenn Kooperationen ehrwürdiger Institutionen mit der modernen Internetwirtschaft dazu führen, dass die Kultur der Jahrhunderte für die ganze Welt greifbar wird? Die Bayerische Staatsbibliothek zum Beispiel, gegründet 1558, hat mit Google ihren urheberrechtsfreien Bestand digitalisiert; seit Anfang 2014 sind mehr als eine Million Bücher online, unter anderem Erstausgaben von Goethe und Schiller. Und eben in Kopenhagen erklärt Kristian Ebstrub Jacobsen, dass der physische Buchbestand der Königlichen Bibliothek eine Regalstrecke von 200 Kilometern fülle: "Der digitale Bestand würde 25 000 Kilometer füllen."

Das Buch mit Seiten und Deckeln mag etwas aus dem Blickfeld geraten. Aber seine Inhalte sind so gut einsehbar wie noch nie. Es ist wie im Fantasy-Roman. "Grandios", sagt Frank Simon-Ritz, der Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV), "das ist die Erfüllung einer Utopie. Bibliothekare haben früher davon geträumt, durch die Karten im Katalog greifen und den Inhalt fassen zu können. Und das geht ja jetzt." Im virtuellen Raum hat sich eine neue Abenteuerwelt für Wissensfahnder und Studenten aufgetan.

Allerdings gibt es auch noch andere Veränderungen in diesen Zeiten, und die kann das Bibliothekswesen nicht märchenhaft finden: Sparzwänge, Einschränkungen, Druck aus der kommerziellen Spaßgesellschaft. Das beschäftigt gerade den DBV sehr. Jene Journalisten-Reise, die der Verband zuletzt organisierte und die vom Schwarzen Diamanten in Kopenhagen über Aarhus nach Flensburg und Hamburg führte, hatte deshalb nicht nur den Zweck, die Errungenschaften des Computerzeitalters zu zeigen. Sie sollte auch einen Hinweis darauf geben, dass der Stellenwert der Bibliothek in Deutschland eine Auffrischung vertragen könnte, um die Segnungen der Moderne nachhaltig in Bildung ummünzen zu können. Dänemark bietet sich in dieser Hinsicht als Vorbild an, denn die Dänen haben etwas, das die Deutschen so nicht haben: Ein Bibliotheksgesetz, das jede Kommune dazu verpflichtet, eine Bibliothek zu haben.

Ute Kaminski, Leiterin der Stadtbibliothek Flensburg, und Heinz-Jürgen Lorenzen, Direktor der Bücherei-Zentrale Schleswig-Holstein, führen durch die Flensburger City hinein ins Herz der lokalen Medien-Versorgung. Der städtische Bücherbus ist das Ziel, ein freundliches, feuerrotes Ungeheuer, das im Inneren mit Bücherwänden, Computer und Sitzecke ausgestattet ist. Auf dem Weg fängt Lorenzen schon mal an zu erklären, warum er sich auch ein deutsches Bibliotheksgesetz wünschen würde. Wenn die Kommunen sparen müssen, und das müssen sie ja eigentlich ständig, sparen sie an ihren freiwilligen Aufgaben, zu denen eben auch Bibliotheken gehören. "Das zieht sich bei mir durch 30 Jahre Berufserfahrung", sagt Lorenzen, "wenn gespart werden musste, wurde immer wieder an den Bibliotheken gespart." Schließungen und Gebührenerhöhungen sind die Folge, und dabei gerät für manche Menschen nicht nur das Buch mit Seiten und Deckeln aus dem Blickfeld. Sondern auch der Inhalt. "Das ist kein Sparen, das ist ein Wegnehmen", sagt Lorenzen. Bewundernd schaut er nach Dänemark. "Die Volksbildung ist dort viel selbstverständlicher."

Notstandsgebiet

Trotz des Schocks der Pisa-Studie, bei dem auch das Mittelmaß der jungen Lese-Nation publik wurde, trotz aller Bekenntnisse zu besserer Förderung: bei Schulbüchereien ist die Bundesrepublik laut Deutschem Bibliotheksverband "Notstandsgebiet". Von gut 50 000 Schulen verfügten nur etwas mehr als 15 Prozent über eine "fachlichen Standards entsprechende Bibliothek". Die häufig anzutreffenden, oft räumlich verteilten Büchereien könnten das "Leistungsspektrum einer Schulbibliothek" nicht erfüllen. Da werden selbst Stapel alter Schinken Bibliothek genannt. Der Verband fordert Schulmediotheken, über Bücher hinausgehend. Ursache für die Defizite: Das Fehlen verbindlicher Organisationsstrukturen in Bund, Ländern und Kommunen; und damit von Zuständigkeiten, gerade wenn es ums Geld geht. An Ganztagsschulen, die boomen und im Idealfall ein Lern- und Lebensort für Schüler sind, müssten gute Mediotheken Standard sein - etwa für das eigenständige Lernen. SZ

Unter Kostendruck steht das Nachbarland auch. Trotzdem gibt es keine Gebühren in den Bibliotheken dort, stattdessen ein umso klareres Bewusstsein dafür, dass eine Bücherei heutzutage mehr sein muss als ein Schriftenfriedhof. Dänemarks Bibliotheken haben sich in Orte der Begegnung und des Erlebens verwandelt. Die Bibliothek von Taarnby bietet zum Beispiel eine Abteilung Wissen für Lernende und eine Abteilung Abenteuer mit Kino, Computerspielen, Kinderecke, Seminarräumen. "Wenn wir uns nur noch auf Bücher konzentrieren würden, wären wir tot", sagt Bibliothekschef Jens Lauridsen, eine Bibliothek ist für ihn ein "offener, benutzerfreundlicher Ort". Aarhus hat gerade einen neuen Bibliotheksstandort bekommen, einen Multimedia-Tempel für vielfältige Angebote, Konzerte, Ausstellungen, Podien. Kopenhagens Schwarzer Diamant wiederum beherbergt unter anderem einen Konzertsaal für 600 Zuhörer sowie die Nationalmuseen für Fotografie und Cartoons.

Dass die deutschen Bibliotheken nur die Staubfänger der Nation wären, kann man nicht sagen. Die digitale Erneuerung läuft. Auch an deutschen Bibliotheken beobachtet DBV-Vorstand Simon-Ritz, dass Regale verschwinden und neue Kommunikationsräume entstehen. Er selbst ist Direktor der Universitätsbibliothek Weimar und kann nicht klagen. Und er kann nicht einmal sagen, dass es gar kein Bibliotheksgesetz in Deutschland gäbe. Thüringen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Rheinland-Pfalz haben eines. Aber von dänischen Verhältnissen sind die deutschen Bibliothekare noch weit entfernt. In keinem der Gesetzestexte steht allerdings, dass Bibliotheken eine Pflichtaufgabe seien. "Um die Verpflichtung machen die Länder einen Bogen", sagt Frank Simon-Ritz im sachlichen Ton des illusionslosen Geistesmenschen. Natürlich kennt er den Grund dafür: "Sonst müssten sie dafür zahlen."