WM-Mord in Bad Reichenhall:In der Finsternis

Prozess wegen Mord an Rentner

Motiv Mordlust? Ein Polizeibeamter nimmt dem Angeklagten Christoph R. die Handschellen ab.

(Foto: Diether Endlicher/dpa)
  • Nach dem WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft soll ein 20-Jähriger in Bad Reichenhall einen Rentner getötet und eine 17-Jährige lebensgefährlich verletzt haben.
  • Beim Prozessauftakt schweigt der Angeklagte.
  • Sein Verteidiger räumt ein, dass die Last der Indizien "erdrückend" ist. Das Motiv jedoch bleibt unklar.

Von Heiner Effern, Traunstein

Der junge Mann mit den roten Backen würde in keiner Schulkantine auffallen. Die Züge unter den eng zusammenliegenden Augen sind weich, die dunklen Haare an den Seiten modisch nach vorne frisiert. Der blaue Wollpullover und die Jeans sind nicht gerade flippig, aber auch nicht altbacken. "Milchbubihaft" nennt ihn Maximilian Pauls, der Anwalt des Mädchens, über das der damals 20 Jahre alte Mann hergefallen sein soll. Sarah F. verlor ihr linkes Auge, konnte aber ihr Leben retten. Im Gegensatz zu Malermeister Alfons S., 73, der kurz zuvor nach mindestens 29 Messerstichen in der Innenstadt von Bad Reichenhall gestorben war.

Wie und vor allem warum es in der Nacht des WM-Finales am 14. Juli 2014 zu diesem Mord und dem zweiten, beinahe tödlichen Überfall kam, das weiß wohl nur eine Person im Saal B33 des Landgerichts Traunstein. Doch Christoph R., 21, legt seine Hände auf den Tisch vor der Anklagebank und schweigt. Sein Mandant werde sich weder zum Tatvorwurf noch zu seiner Person äußern, erklärt Verteidiger Harald Baumgärtl am ersten Prozesstag. Dass der Beschuldigte die Taten begangen hat, daran zweifelt aber nicht einmal er. "Die Last der Indizien ist erdrückend", räumt Baumgärtl ein. Doch das Motiv bleibt vorerst im Dunkeln.

Er soll mit dem Mord vor Passanten geprahlt haben

Laut Anklage verließ der Zeitsoldat nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien gegen 2.15 Uhr nochmals die Kaserne in Bad Reichenhall. Schlicht und einfach aus dem Grund, weil er Lust hatte, einen Menschen zu töten. Oder zwei. Er packte sein Kampfmesser ein, das ihm die Bundeswehr stellte, wendete seinen schwarzen Kapuzenpulli, damit ein auffälliger Schriftzug nicht zu erkennen war, und zog offenbar angetrunken los. Nachdem er Alfons S. erstochen hatte, soll er vor Passanten damit geprahlt haben. Um gleich später die damals 17 Jahre alte Auszubildende von hinten anzugreifen. Sie schleppte sich zu nahen Wohnhäusern und überlebte nur deshalb seine Messerattacken knapp.

Doch was für ein Mensch ist das, der nach dem Zufallsprinzip zwei Passanten auswählt, die er umbringen könnte? Da Christoph R. vor Gericht nichts sagen will, müssen ihn Menschen beschreiben, mit denen er gesprochen hat. Zum Beispiel Sabine Kreutzer-Mühlthaler, die ihm als Jugendgerichtshilfe vom Staat beiseite gestellt wird. Christoph R. schilderte ihr, dass er in Rheinland-Pfalz aufwuchs und drei jüngere Geschwister hat. Dass seine Familie zerbrach, als er etwa fünf Jahre alt war. Seiner Erinnerung nach floh damals seine Mutter vor dem gewalttätigen Vater ins Frauenhaus. Von dort kamen er und seine jüngere Schwester direkt in ein Heim, seine beiden kleinen Brüder in Pflegefamilien. Bis er 18 Jahre alt wurde, lebte Christoph R. dort - eine "extrem schlimme" Zeit für ihn, das ist der Eindruck von Sabine Kreutzer-Mühlthaler.

Er schaffte den Realschulabschluss, schmiss dann die Fachoberschule und eine Lehre als Metallbauer hin. Nachdem er in der Folge ein Jahr obdachlos war, verpflichtete er sich im April 2013 für 20 Monate bei der Bundeswehr. Dort habe er anfangs zum ersten Mal so etwas wie eine familiäre Beziehung empfunden, berichtet Kreutzer-Mühlthaler. Mit seiner eigenen Familie, so gab es R. an, habe er da schon lange abgeschlossen gehabt. Das sei ihm angeblich nicht schwer gefallen, da er sowohl bei der Mutter als auch den Geschwistern deutliche Intelligenzdefizite festgestellt habe.

Kontrollierte, gefestigte Persönlichkeit

Christoph R. fühlte sich überlegen. Ein Test bei ihm ergab tatsächlich einen IQ von 134, andere blieben aber deutlich darunter. In den Gesprächen mit der Jugendhilfe präsentiert er sich als kontrollierte, gefestigte Persönlichkeit, die aufgrund eigener Stärke und Intelligenz keine engen Bindungen benötigt. Er selbst sei für seine Situation nicht verantwortlich, sondern die Familie, sagte der Angeklagte. "Hätte ich andere Eltern gehabt, wäre ich hier nicht gelandet", zitiert ihn Kreutzer-Mühlthaler. Sie nimmt ihm die gelungene Abschottung von seiner Familie auch deshalb nicht ab. Sie ist überzeugt, "dass ihn die Situation extrem belastet, aber dass er seine ganze Energie darauf verwendet, es sich nicht anmerken zu lassen".

Die Kameraden jedenfalls funktionierten nicht lange als Familienersatz. Neue Kollegen war ihm zu undiszipliniert, seine Motivation sank zusehends. Er habe deswegen die Bundeswehr auf eigenen Entschluss am 18. oder 19. Juli verlassen und sei nach Norwegen gereist, weil er schon immer mal dorthin wollte, sagte R. zu seiner Betreuerin. Dort nahmen ihn Polizisten drei Wochen nach den Messerattacken von Bad Reichenhall auf einer Landstraße fest, wegen Mordverdachts. Doch dazu sagt Christoph R. nichts.

Die weiteren zehn Verhandlungstage werden womöglich Klarheit bringen. Der Vorsitzende Richter Klaus Weidmann wies darauf hin, dass neben Mordlust auch die Merkmale Heimtücke und niedrige Beweggründe vorliegen könnten. Aufgrund des Akteninhalts komme zudem die Verhängung einer Sicherungsverwahrung in Betracht. Entscheidend für die Höhe eines möglichen Strafmaßes wird sein, ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angewandt wird. Verhandelt wird in Traunstein vor der Jugendkammer. Das Urteil soll am 20. Mai fallen.

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