bedeckt München 10°

Unter Bayern:Vorsicht, Soß!

Ein Lob dem unterschätzten Bestandteil jeder guten Mahlzeit

Kolumne von Hans Kratzer

Die Staatsregierung hat bis jetzt wenig unternommen, um in ihrem Verwaltungsapparat einen Soßenbeauftragten zu installieren. Angesichts des Siechtums der Soßenkultur ist das ein bisserl fahrlässig. Vor wenigen Tagen hat der Kelheimer Landrat Martin Neumeyer angedeutet, dass die Förderung des Ansehens der Soßen bei ihm in guten Händen läge. Neumeyer streifte am vergangenen Montag bei einer Rede in Abensberg die Frage, was man eigentlich noch öffentlich sagen dürfe. Ihn befiel Unsicherheit bei dem Wort Soße, das ja weiblicher Natur ist, wobei Neumeyer rätselte, ob die einseitige Geschlechterfixierung der Soße politisch korrekt sei. Er fand einen Ausweg in dem Umstand, dass die Soße im Bairischen ja Soß (gesprochen: Soss) heiße und männlich klinge. Das aber stimmt auch nicht ganz, denn es ist immer noch die Soß.

Gendertheorie hin oder her, früher belegten der Geschmack von Soß und Bratenfond die Kochkunst einer Wirtin. Die Altvorderen wussten Soßen zuzubereiten, gegen die moderne Packerlsoßen wie verbrannte Gummireifen schmecken. Sardellensoß gab es zum Rindfleisch, der gebratene Rehschlegel wurde mit Kapernsoß serviert. Heute gibt es billiges Büchsenfutter aus dem Supermarkt, das man den Handwerkern niemals vorsetzen dürfte, schon der Verdauung wegen. Verträgliche Kost brauchen die Zimmerer auf dem Dach: "Da kann i ned einfach runterhupfen, bloß weil mi der Bauch zwickt!" So lautet ihre Rede.

Die Soße war überdies eine taktische Waffe im Wirtshaus- und Festzeltbetrieb, jedenfalls vor Corona, als es noch eng herging und die Bedienungen in den Nahkampf eintraten, um mit ihren Bratentellern ans Ziel zu gelangen. Einen Fleck von einer Bratensoße auf dem Anzug, das fürchteten die Männer mehr als Tritte gegen das Schienbein. "Soß, Soß!" plärrten also die Bedienungen, deren Handflächen und Arme mit Tellern bedeckt waren, wenn sie sich durch die Gänge zwängten. Wo Soßen sind, da riecht und dampfelt es von Natur aus, aber nicht immer ist das appetitlich. Ein Totengräber erzählte einst dem Autor Wolfgang Asenhuber: "Wir ham schon Gräber aufgmacht, da war nach zehn Jahr der Sarg noch ganz, und wie sie ihn aussazogn ham, is die Soß außerglaufen."

© SZ vom 12.09.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema