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Unter Bayern:Mehr Wapperl braucht das Land

Es gibt Reflexe unter Politikern, die sind unabhängig vom Thema. Die Grünen zum Beispiel fordern gerne eine Kennzeichnungspflicht. Für arme Schweine, die von ausgebeuteten Leiharbeitern geschlachtet werden, zum Beispiel. Ob das hilft?

Kolumne von Franz Kotteder

Haben es die Bayern mit Missständen zu tun, dann ist relativ absehbar, was passiert - je nach politischem Standort. CSU-Mitglieder zucken mit den Schultern oder stellen eine Strafanzeige. Das ist abhängig davon, ob es einen Parteifreund trifft oder nicht. Die Freien Wähler sagen, der Koalitionspartner stehe da in der Verantwortung. Sozialdemokraten schütteln missbilligend den Kopf und fragen dann, ob Arbeitsplätze gefährdet sind. Grüne wiederum verweisen darauf, dass das alles nicht passiert wäre, wenn das Fahrrad Vorrang vor dem Auto hätte. Sollte das inhaltlich nicht recht passen, fordern sie eine Kennzeichnungspflicht (außer für Radfahrer, aber das ist eine andere Geschichte).

Die grauenerregenden Zustände rund um die Tönnies-Schlachthöfe haben dieser Tage den Fraktionschef der Grünen im Landtag, Ludwig Hartmann, dazu bewogen, eine Kennzeichnungspflicht zu fordern. Und zwar für Billigfleisch. Die Forderung ist putzig, weil man sich den Hartmann dabei im Supermarkt vorstellt, wie er ratlos vor der Fleischtheke steht und sich fragt, ob das Kilo Schweinebauch für 4,36 Euro jetzt billig ist oder nicht? Und was wohl die Schildchen mit der Aufschrift "Preishammer!" oder "Superschnäppchen!" bedeuten? Wie soll er das wissen, ohne Kennzeichnung?

Dabei ist das alles natürlich überhaupt nicht witzig. Dass es sich bei der Beschäftigung von Leiharbeitern um übelste Ausbeutung handelt, die sich kaum von Manchester 1835 unterscheidet, ist seit Jahrzehnten bekannt, geändert hat sich nie etwas. Man weiß auch, dass bei der industriellen Tierhaltung 20 bis 25 Prozent aller Ferkel niemals zur Schlachtreife gelangen, sondern als Müll entsorgt werden. Ob sich daran etwas ändert? Und ob da ein neues Wapperl auf der Packung hilft? Die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) droht schon mal mit steigenden Preisen, und ihre bayerische Amtskollegin Michaela Kaniber (CSU) warnt vor einer "Mehrbelastung für Kunden". Beide wollen aber "über eine Tierwohlabgabe diskutieren". Das hört sich schwer danach an, dass das ganze Problem in drei, vier Wochen erledigt ist. Beziehungsweise, dass dann kein Mensch mehr drüber spricht. So wie bei den letzten 120 Tierwohl- und Werkvertragsdiskussionen halt auch.

© SZ vom 04.07.2020

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