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Unter Bayern:Der Schex und der "Scheiß-Kriag"

Der Schriftsteller Georg Lohmeier hat manch amüsantes Werk veröffentlicht, das ihn zu Ruhm führte. Doch sein Drehbuch für den Film "Die Überführung" ist aufgrund seiner düsteren Färbung und erzählerischen Intensität von nahezu beispielloser Qualität

Kolumne von Hans Kratzer

Anno 1979 ist in Bayern ein Film entstanden, der jederzeit den Ansprüchen des heute maßgeblichen Streamingdienstes Netflix genügen würde. Er trägt den Titel "Die Überführung" und war etliche Male im Bayerischen Fernsehen zu sehen. Es ist einer der besten Filme, den das cineastische Bayern hervorgebracht hat. Das Drehbuch stammt von dem Schriftsteller Georg Lohmeier, der sich vor gut 50 Jahren anschickte, in Bayern die Monarchie auszurufen. Die Staatsregierung hielt dies für einen Faschingsscherz, bis sie merkte, dass Lohmeiers angekündigte Proklamation sogar die Weltpresse alarmiert hatte.

"Die Überführung" ist eine Ballade, die alles in den Schatten stellt, was Lohmeier sonst geschrieben hat, sogar seine Komödien, die ihm Ruhm bescherten. Das Drehbuch ist düster gefärbt und von einer erzählerischen Intensität, die es dem Regisseur Kurt Wilhelm ermöglichte, Schauspieler wie Toni Berger, Maria Stadler und Karl Obermayr auf eine selten erreichte Höhe der Filmkunst zu führen. Zurecht beinhaltet die neue Obermayr-Biografie ein Kapitel über dieses Werk, dem Obermayr seinen Durchbruch als Filmschauspieler zu verdanken hatte.

Die Geschichte handelt vom Schicksal des Brauereibesitzers Schex und seines Freundes Martl, die 1917 vor Verdun im Felde standen. Schwer traumatisiert, finden sie sich daheim nicht mehr zurecht. Der "Scheiß-Kriag" hat ihr Leben ruiniert. Sogar der "Deife", sagt der Schex, sei im Wald von Arnancourt verreckt! Der Film zeigt mit stiller Wucht den psychischen und physischen Verfall der Heimkehrer inmitten eines breiten Panoramas bayerischer Seelenlandschaften. Wie von einem andauernden Memento mori werden die Saufbrüder von den Bildern aus Verdun verfolgt. Der Regisseur artikulierte ihre Not mit aberwitzigen Szenerien, indem er etwa in ein bayerisches Winterland originale Kriegsaufnahmen hineinschnitt. Als jäher Kontrast blitzen Mahnmale der Volksfrömmigkeit auf, man fühlt sich unweigerlich hineinversetzt in Wilhelm Leibls Gemälde "Drei Frauen in der Kirche". Als der Pferdeschlitten, mit dem der Schex seinen eben gestorbenen Spezl heimfährt, in ein Faschingstreiben gerät, wähnt er sich sogleich im Schlachtengetümmel, welche Wahnsinnsbilder. Es ist nur ein bayerischer Fernsehfilm, aber wie der alte Seneca liefert er Antworten auf große Fragen des Menschseins.

© SZ vom 07.11.2020
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