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SZ-Kultursalon:Burghauser Gschichten

Die Schauspielerin Michaela May erzählt aus ihrem Leben zwischen Stadt und Land. Nicht nur sie selbst, auch ihr Physiotherapeut kann einige ihrer legendären Dialoge rezitieren

Die Schauspielerin Michaela May war gerade in ein Gespräch mit einem Gast vertieft, weshalb sie das wunderbarste Kompliment dieses Abends vermutlich gar nicht gehört hat. "Die Zeit hat die Michaela nur gestreichelt", murmelte ein sichtlich von ihrer frischen Ausstrahlung beeindruckter Besucher. Michaela May war am Donnerstag zu Gast im Kultursalon der SZ, einer Reihe, die zwar ihre Heimstatt in München hat, diesmal aber im Haus der Fotografie in Burghausen Station machte, wo zurzeit die SZ-Ausstellung "Zeitlang" zu sehen ist. Die Leiterin der SZ-Kulturredaktion, Susanne Hermanski, unterhielt sich aus diesem Anlass mit der Münchner Schauspielerin über die Welt im Allgemeinen und über Bayern und seine Phänomene im Besonderen.

Michaela May hat schon wegen ihrer Herkunft eine klare Kompetenz, über Themen wie Heimat, Sprache und Traditionen zu sprechen. Sie ist in München und am Ammersee aufgewachsen, hat in bayerischen Kultserien wie "Münchner Geschichten" und "Irgendwie und Sowieso" mitgespielt, sie ist Trägerin des Bayerischen Verdienstordens und sie engagiert sich in mehreren sozialen Projekten.

Dass das Leben einem dauernden Wandel unterworfen ist, weiß die Generation, die vom Geist der 68er-Bewegung geprägt wurde, zur Genüge. Zu ihr gehört natürlich auch die 1952 geborene Michaela May, die zwar alle Wirrungen jener Jahre miterlebt, aber die Erinnerungen aus der Kindheit deshalb nicht verdrängt hat. Ja, sagte sie, das Zeitlang-Gefühl kehre sofort zurück, wenn sie an ihre frühen Jahre am Ammersee denke, an die verlorenen Gerüche. "Gerüche sind etwas ganz Starkes", sagte sie, der Duft, wenn die Birnen reifen oder wenn das Gras gemäht ist und zu Heu wird. Erfahrungen, die viele heutige Kinder nicht mehr machen könnten.

Ein ähnlicher Verlust treffe auf das Erleben von Kirche zu, fuhr Michaela May fort. Diese könne der Jugend keinen Erfahrungsraum und keinen Halt mehr bieten. "Die Kirche hat da etwas versäumt." Sie selber sei in einer kirchlichen Jugendgruppe sozialisiert worden, habe dort Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit erfahren und das wunderschöne Brauchtum von Festen wie Fronleichnam erlebt. Dies alles berühre die moderne Jugend nicht mehr, weil die Kirche es nicht schaffe, alte Themen und Verkrustungen zu erneuern.

Schauspielerin Michaela May und SZ- Redakteurin Susanne Hermanski im Gespräch.

(Foto: Julia Payrits/Haus der Fotografie Burghausen)

Dabei nimmt Michaela May durchaus eine Sehnsucht nach der Tradition wahr. Ihre Generation habe Dinge wie die Tracht verabscheut, nie wäre ihr eingefallen, ein Dirndlkleid zu tragen. Ihre Kinder dagegen liebten diese Mode, "das hat sich total verändert." Im Übrigen habe sie als Mädchen noch ein breites Münchnerisch gesprochen. In ihren ersten Filmen aber, so erzählte sie, sei sie synchronisiert worden - "weil ich so stark im Dialekt sprach".

Der Regisseur Helmut Dietl habe mit seinen Serien den modernen Mythos Bayern geschaffen, sagte Susanne Hermanski und leitete damit auf einen großen Förderer von May über. Dass die Beziehung nicht immer konfliktfrei war, verdeutlichte die Schauspielerin mit folgender Episode. Es sei damals üblich gewesen, sich mit Bussis zu begrüßen. "Du hast jetzt grad dieses Arschloch geküsst", hielt ihr Dietl einmal entgegen. "Deshalb will ich von dir kein Bussi." Unvergessen blieb seine Mahnung: "Du bist so undifferenziert nett."

Ihr Physiotherapeut, sagte May, habe ihr erst neulich einen ganzen Szenendialog aus den "Münchner Geschichten" von 1973 vorgesagt. Ein Beweis für die Güte dieser Serie. Dass sie das spontan auch kann, belegte sie in Burghausen sehr nachhaltig, indem sie unter anderem jene Szene wiedergab, in der sie mit ihrem Lover Tscharlie oben am Olympiaberg über die Lichter von München schaut und säuselt: "Da siehg i uns zwoa do sitzen, du liest a Buach, i koch a Gulasch . . ." Dialoge wie sie Dietl erdacht hat, seien ihr nicht mehr untergekommen, stellte Michaela May fest.

Zur Sprache kam auch ihr Verhältnis zu der kürzlich gestorbenen Kollegin Hannelore Elsner, die in Burghausen aufgewachsen ist und ihr unter anderem zeigte, wie man sich auf einen Sprechtext vorbereitet. Demnach muss man ihn erst einmal mit einem Stöpsel im Mund aufsagen, ihn dann herausnehmen, und schon läuft alles reibungslos. "Das mache ich bis heute", sagte Michaela May, die im Folgenden ein starkes Bekenntnis für eine weltoffene Haltung ablegte. Heimat sei doch viel mehr als Dialekt und Tracht, deren Pflege wichtig und schön sei. Noch wunderbarer aber sei die kulturelle Vielfalt. "Dass ich trotzdem noch Bayerin bin, das nimmt mir doch keiner weg." Sie bezeichnete es als größtes Glück überhaupt, ihr ganzes Leben Frieden erlebt zu haben, während ihr Vater seine Jugend im Krieg opfern musste. Dass sich nun aus einer kriegsfreien Zeit heraus "Gewalt, eine braune Soße und Judenhass" entwickelten, "das macht mir Angst, das bedrückt mich." Haltung zu zeigen, das sei die einzige Möglichkeit, "die wir als kleine Ameisen im großen Weltgetriebe haben. Je bedrohlicher es wird, umso klarer muss man seine Meinung sagen".

In diesem Sinne wurden anschließend bei angeregten Gesprächen noch zuhauf existenzielle Fragen gestreift. Keiner glaube mehr an Gott, klagte dabei ein Gast, und niemand glaube mehr an den Teufel. "Wer aber nicht mehr glaubt, dass Luzifer ihn holen kann, der wird wie der Trump."

Ein aus Baden-Württemberg angereister Besucher kam durch Kalamitäten im Bahnverkehr erst in Burghausen an, als der Kultursalon zu Ende war. Glücklicherweise fanden sich noch Gäste, die ihn spätabends nach München mitnahmen. So vollendete sich die alte Weisheit, dass die Kultur die Menschen zusammenbringt und in ihnen die edelsten Gefühle weckt.