Streit um Bayreuth-Karten Das Ende der DGB-Festspiele

DGB-Karten landeten auf dem Schwarzmarkt, Reiseveranstalter verkauften sündhaft teure Luxus-Arrangement: Mit der dubiosen Kartenvergabe für die Wagner-Festspiele soll nun Schluss sein. Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Monaten wegen des Verdachtes der Untreue.

Von Olaf Przybilla

Der 7. August 2011 wird in die Annalen der Bayreuther Festspiele eingehen. Der Tannhäuser stand auf dem Programm, aber Chef im Festspielhaus waren an diesem Tag nicht etwa Eva und Katharina Wagner, die Herrscherinnen vom Hügel. Sondern es war Matthias Jena, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Bayern. Seit der Wiederaufnahme der Festspiele nach dem Krieg waren für den DGB und dessen Mitglieder stets exklusive Vorstellungen reserviert, anfangs deren zwei, seit 2010 nur noch eine. Damit aber ist nun Schluss: In der nächsten Saison wird es keine Vorstellung ausschließlich für Gewerkschafter mehr geben, sagt Bayerns DGB-Chef Matthias Jena - und bestätigte damit Informationen der SZ.

In Bayreuth soll es künftig keine exklusiven Vorstellungen für DGB-Mitglieder mehr geben.

(Foto: dpa)

Der DGB-Chef spricht von einer Zäsur in der Historie der Festspiele. Und er sagt, die "Festspielleitung und der Verwaltungsrat haben das Erbe Wolfgang Wagners auf dem Grünen Hügel begraben". Der Prinzipal vom Hügel hatte den Gewerkschaften stets die Stange gehalten, waren sie es doch gewesen, die sich nach dem Krieg dafür eingesetzt hatten, dass wieder Wagner-Spiele auf dem tiefbraun kontaminierten Hügel stattfinden sollten.

In einem Brief an den Gewerkschaftsbund schrieb Wolfgang Wagner einmal: "Dass Bayreuth erschwinglich und damit zugänglich wurde für soziale Schichten, denen der Besuch vormals oft nicht möglich gewesen war, setzte ein Zeichen und realisierte ein Stück weiter die Ursprungsidee Richard Wagners, dem ein Festspiel für das ganze Volk vorgeschwebt hatte." Dass der Hügel davon nun abrückt, ist für DGB-Chef Jena Anlass für "Verwunderung und Bedauern".

Andererseits konnte es natürlich auch Jena und dessen Vorgänger, dem enthusiastischen Wagnerianer Fritz Schösser, nicht entgangen sein, was das zum Teil für seltsame Gewerkschafter gewesen sein sollen, die sich für die Götterdämmerung interessierten. Man musste an den für die Gewerkschaft reservierten Tagen nur auf dem Parkplatz hinterm Festspielhaus auf die Nummernschilder schauen, um sich darüber zu wundern, wie viele bayerische Betriebsräte angeblich Erstwohnsitze in Hamburg und Düsseldorf angemeldet haben - inklusive der Möglichkeit, in ihrem Cabrio einen kommoden Kurzabstecher nach Oberfranken zu unternehmen. Immerhin wurde der Gewerkschaftsausweis bei den DGB-Aufführungen nicht kontrolliert. Und also dürfte sich so mancher Betriebsrat mit den Karten ein hübsches Zubrot gesichert haben - auf dem Schwarzmarkt.

Ja, bestätigt Toni Schmid, die Gewerkschaften bleiben nach 60 Jahren künftig draußen vor der Tür in Bayreuth. Schmid ist der Vorsitzende des Verwaltungsrates am Hügel, nach der geharnischten Kritik des Bayerischen Obersten Rechnungshofes und des Bundesrechnungshofes an der dubiosen Kartenvergabe in Bayreuth "müssen wir ja zeigen, dass wir gewillt sind, etwas zu ändern", sagt Schmid. Auch waren die ätzenden Prüfberichte nicht der einzige Anlass: Denn kurz vor der letzten Verwaltungsratssitzung, auf der das Aus für die Gewerkschaften beschlossen wurde, hatte die Hofer Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Diese, bestätigt der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Schmitt, ermittelt seit vier Monaten wegen des Verdachtes der Untreue am Grünen Hügel. Es geht um die fragwürdige Kartenvergabe, es geht um Freikarten und Kartenkontingente an Reiseveranstalter, die mit überteuerten Tickets einen finanziellen Vorteil an einem staatlich hochsubventionierten Haus erlangt haben könnten. Das Ermittlungsverfahren richtet sich weiterhin gegen Unbekannt, erst kürzlich habe die Hofer Staatsanwaltschaft "neue Ordner" vom Grünen Hügel bekommen, sagt Staatsanwalt Schmitt.

Peter Emmerich, Sprecher der Festspiele, sagt, es werde künftig "kein einziger Reiseveranstalter mehr mit festen Kontingenten bedient". Diese hatten mit ihren sündhaft überteuerten Arrangements - eine Karte mit Hotel-Bademantel, Schampus und Chichi für einen vierstelligen Betrag - besonders den Argwohn der Rechnungshöfe und der Staatsanwaltschaft auf sich gezogen. Wäre dem so, dann wäre auch das eine Zäsur. Ob der Hügel diesen historischen Karten-Stopp aber tatsächlich schon 2012 wird durchsetzen können, daran hegt Verwaltungsratschef Schmid ernste Zweifel: "Es gibt feste Verträge", sagt er, "das ist momentan eine Sache für Juristen." Ob die Festspiele wegen der bisherigen Praxis der Kartenvergabe belangt werden, wird vor Weihnachten nicht geklärt sein. Angesichts der Komplexität der Materie, sagt Staatsanwalt Schmitt, wolle man erst im Januar darüber entscheiden.