Spirituelle Bewegungen:Mit Geistern auf Du und Du

Lesezeit: 5 min

Helga Linse trifft sich mit Verstorbenen, glaubt an Heiler und ist damit nicht allein: Die Zahl der Spiritisten wächst. Das freut die Esoterikbranche - und alarmiert die Sektenbeauftragten.

Hans Kratzer

"Ich spüre es deutlich", flüstert Helga Linse, "unsere Verstorbenen sind ganz nah." Frau Linse wohnt gerade einem Gottesdienst im Münchner Stadtteil Hasenbergl bei, und sie scheint nicht die Einzige zu sein, die eine Botschaft aus dem Jenseits erwartet. Außer ihr haben sich an diesem Sonntagabend noch ein paar Dutzend spirituell orientierte Menschen in den schmucklosen Gemeindesaal begeben, überwiegend gesetztes Bürgertum fortgeschrittenen Alters.

Spirituelle Bewegungen: Gespräche mit Toten: Die ehemalige Lehrerin Helga Linse glaubt an die Existenz einer geistigen Welt und daran, dass ihr eine Heilerin das Leben gerettet hat.

Gespräche mit Toten: Die ehemalige Lehrerin Helga Linse glaubt an die Existenz einer geistigen Welt und daran, dass ihr eine Heilerin das Leben gerettet hat.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Gruppe nennt sich Christlich-Spirituelle Bewegung, einmal monatlich feiert sie hier einen Gottesdienst. Obwohl Helga Linse die Nähe der Verstorbenen spürt, wirkt die Gemeinde um sie herum recht unaufgeregt. Denn für diese Menschen ist der Kontakt zu Verstorbenen das Normalste auf der Welt, sie glauben felsenfest an ein Fortleben nach dem Tod.

"Unsere materielle Existenz ist das eine", sagt die pensionierte Lehrerin Linse, "aber daneben gibt es noch eine geistige Welt, eine andere Dimension, ein göttliches Bewusstsein." Ihr Credo vertritt Helga Linse mit einer Selbstsicherheit, die jeden Zweifel abperlen lässt wie die Fensterscheibe den Regentropfen.

"Man muss erst lernen, die geistige Welt wahrzunehmen", erklärt Frau Linse beim Gottesdienst der spirituellen Gemeinde. Es ist fast wie bei einer christlichen Messe, es erklingen Predigt, Gebet und Gesang, erst danach treibt das Geschehen seinem Höhepunkt zu, der auf einen unbedarften Beobachter freilich durchaus verstörend wirkt. Frau Linse lässt sich von Zweifeln nicht irritieren: "Ich hab' auch viele Jahre gebraucht, bis ich das alles verstanden habe", sagt sie.

Hinter dem in blauen Samt gehüllten Altarpult steht das Medium, das den Kontakt zu den Toten herstellt. "Es ist eine Gabe, die nur wenige Menschen besitzen", sagt Frau Linse. Ein Blick ins Lexikon verrät, dass solche Fähigkeiten schon im 19. Jahrhundert bekannt waren. Mit dem Aufkommen des Spiritismus tauchte auch das Phänomen "Medium" auf, Menschen also, die angeblich Botschaften von Verstorbenen empfangen können.

Vom Übersinnlichen verändert

Das Medium im Gemeindesaal heißt Paul Meek, stammt aus Wales und lebt seit geraumer Zeit in München. Meek war früher Opernsänger, 1993 aber hat er die Bühne verlassen, um sich als Pastor der britischen "Spiritualist Church" nur noch seinen übersinnlichen Fähigkeiten zu widmen, die, so heißt es, schon in seiner Kindheit aufgefallen waren.

Wer Meek zuhört, muss zugeben, dass der Mann verständlich predigen kann. Viele Menschen verstehen den Tod nicht, sagt er, "sie haben Angst vor dem Tod, Angst vor der Zukunft. Sie wissen nicht, dass sie das ewige Leben haben". Helga Linse weiß sich eng verbunden mit Meeks Gedankenwelt. Das Übersinnliche hat ihr Leben völlig verändert.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB