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Sorge um den Lech:"Ein ferngesteuerter Cyborg"

Der Lech ist der am meisten verbaute Wasserlauf Bayerns, alleine zwischen Füssen und Augsburg fließt er über 20 Staustufen. Doch damit nicht genug: Der Energiekonzern Eon will ausgerechnet im Naturschutzgebiet des Augsburger Stadtwalds ein weiteres Kraftwerk bauen. Für viele seltene Pflanzen und Tiere wäre das der Tod.

Ein wilder, vom Leben gezeichneter Kerl, so präsentiert sich der Lech auf dem Augustusbrunnen am Augsburger Rathausplatz. Seiner Kraft und seinem vielfältigen Charakter verdankt die einstige Reichsstadt ihren Glanz und ihre Größe.

Lechwehr, Lech, Landsberg

Lech bei Landsberg: Der Fluss ist heute in ein Korsett gezwängt und in Kanälen versteckt.

(Foto: dpa/picture-alliance)

Mit seinen Gütern hat er die Menschen, die seit der Römerzeit an seinen Ufern siedelten, reich beschenkt: Pflanzen, Tiere, Holz und Baumaterial verdankten sie dem wilden Gebirgsfluss.

Und heute? An manchen Stellen ist der Lech nur noch ein Rinnsal, in ein Korsett gezwängt, in Kanälen versteckt, seiner kostbaren Fracht beraubt. Aus dem fruchtbaren Gewässer ist ein lang gestrecktes Elektrizitätswerk geworden, ein "ferngesteuerter Cyborg", ein Maschinenwesen, wie der Wissenschaftler Jens Soentgen von der Universität Augsburg meint.

Professoren verschiedener Disziplinen haben dem Lech in diesem Sommer eine Ringvorlesung gewidmet. Denn seine Kraft wurde dem Fluss zum Verhängnis: Allein zwischen Füssen und Augsburg wird sein Wasser durch 20 Staustufen zur Stromgewinnung geleitet. Menschen finden an seinen Ufern kaum noch Erholung, Fischarten sind verschwunden, Auenlandschaften nur noch an wenigen Stellen erhalten.

Und es droht neue Gefahr: Während die Isar in den vergangenen Jahren in aufwendigen Renaturierungsprojekten einen Teil ihrer Ursprünglichkeit zurückgewonnen hat - zum Wohle von Mensch und Natur -, hat die Elektrizitätswirtschaft den Lech erneut im Visier. Am Flusskilometer 50,4 im Augsburger Stadtwald, einem Naturschutzgebiet von europaweiter Bedeutung, will Eon ein weiteres Kraftwerk errichten.

"Das wäre schlimm", sagt Eberhard Pfeuffer vom Naturwissenschaftlichen Verein Schwaben. Denn im Stadtwald finden sich noch Reste einer Wildlandschaft, wie sie einst den ganzen Flusslauf prägte. Pfeuffer hat die Geschichte des Flusses in einem reich bebilderten und informativen Buch zusammengefasst (Wißner-Verlag, Augsburg).

Und er kämpft für die Renaturierung statt der weiteren Ausbeutung des Lechs. Schon jetzt ist der Grundwasserspiegel drastisch gesunken. Käme ein weiteres Kraftwerk hinzu, hätten die Auen und mit ihnen seltene Pflanzen wie Spitzorchis oder Sonnenröschen bald gar kein Wasser mehr. Dabei ist der Augsburger Stadtwald eben nicht irgendein Biotop, sondern das drittgrößte außeralpine Naturschutzgebiet Europas, wie Pfeuffer betont.

Wissenschaftler der Technischen Universität München untersuchen derzeit, wie man die Sohle stabilisieren könnte, um das weitere Eingraben des künstlichen Wasserlaufs zu verhindern. Man müsste im Stadtwald die künstlichen Schwellen zurückbauen und die Uferverbauung lockern, so wie es an der Isar gemacht wurde, meint Pfeuffer. Dann könnte man gemäßigtes Hochwasser zulassen, das die Auen wieder von Zeit zu Zeit überspielt. Ob es dazu kommt, hängt wohl auch davon ab, wie groß der Widerstand der "Lech-Allianz" gegen die Kraftwerkspläne sein wird.

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