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Söder will AKW Isar 1 abschalten:Ein Reaktor mit zahlreichen Schwachstellen

Isar 1 ist eines der umstrittensten Kraftwerke in der Republik, vor allem, weil es eines der ältesten ist. Seit 1979 ist es am Netz, der Siedewasserreaktor der Baulinie 69 erfüllt längst nicht alle Sicherheitsstandards, die nach heutigem Stand an Atomanlagen gestellt werden. Das sagen nicht nur Atomgegner. Das erklären Experten wie Wolfgang Renneberg, der Ex-Chef der Abteilung Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und Entsorgung am Bundesumweltministerium (BMU), und der Physiker Wolfgang Neumann, der etlichen Nuklear-Gremien des BMU angehört hat.

Und das sagt auch der österreichische Sicherheits- und Risikoforscher Wolfgang Kromp. "Die schwerwiegenden Konstruktionsmängel können durch Nachrüstungsmaßnahmen nicht ausgeglichen werden", heißt es in einem Gutachten, das unter Krombs Leitung über Isar 1 und andere deutsche Alt-Reaktoren erarbeitet wurde, und weiter: "Das Design des Reaktordruckbehälters erfüllt nicht die Grundbedingungen der Basissicherheit." Bei schweren Unfällen könnten rasch hohe Mengen an Radioaktivität freigesetzt werden.

Einer der Hauptmängel ist das Reaktorgebäude selbst. Dessen Wände sind nur zwischen 35 Zentimeter und 1,20 Meter dick. Damit sind sie nicht gegen den Absturz eines Flugzeugs ausgelegt. Dabei liegt Isar1 keine 50 Kilometer vom Münchner Flughafen entfernt. Täglich passieren ungefähr 120 Flugzeuge den Meiler in weniger als einem Kilometer Abstand. 1988 stürzte eine französische Mirage nur zwei Kilometer von Isar 1 entfernt in einen Wald. Gleichwohl beteuerten sämtliche bayerischen Umweltminister stets, Isar 1 sei sicher.

Aber auch der Reaktor selbst hat zahlreiche Schwachstellen. Der Sicherheitsbehälter etwa ist sehr viel dünnwandiger als der in modernen Anlagen. Er hat auch ein sehr viel geringeres Volumen. Deshalb könne sich bei einem Störfall, so der Physiker Neumann, sehr schnell ein so hoher Druck aufbauen, dass der Behälter birst. Bei einer Kernschmelze versage er womöglich binnen Minuten mit allen katastrophalen Konsequenzen für die Umgebung. Auch das Lagerbecken für die Brennelemente ist eine Schwachstelle. Es liegt außerhalb des Sicherheitsbehälters im oberen Teil des Reaktorgebäudes und ist daher kaum geschützt.

Isar 1 besitzt auch nur einen Kühlkreislauf, die Rohrleitungen liegen so dicht beieinander, dass man nur sehr schwer an sie herankommt. Auch das Notstromsystem gilt als veraltet. Sinnbild sämtlicher Mängel von Isar 1 sind die vielen, meist feinen Risse, die sich seit der Inbetriebnahme an den Rohrleitungen fanden. Zwar wurden die Rohre permanent erneuert. Doch die Bildung dieser Risse konnte nicht abgestellt werden. Die Rissbildungen machen denn auch den größten Teil der meldepflichtigen Ereignisse in Isar 1 aus. Es gab aber auch andere Störfälle.

In der Gegend hat man von solchen Vorfällen gehört, sie aber meist kleingeredet. "Wer Atomkraft kritisiert, gefährdet Existenzen", sagt eine grauhaarige Frau auf der Straße. Viele arbeiten in den Anlagen, müssen Häuser abzahlen, ihre Kinder gehen hier zur Schule. Doch seit Japan geht in Niederaichbach sehr viel mehr Angst um.

© SZ vom 15.03.2011/tob
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