Salafisten-Szene Zentren in München, Regensburg und Nürnberg

Erst am Dienstag hatte das bayerische Innenministerium bekanntgegeben, dass 50 Polizisten die Wohnungen von sieben Salafisten in ganz Deutschland durchsucht hatten, fünf Wohnungen und ein Szenetreff lagen in Mittelfranken. Die Männer hatten einen Krankenwagen gekauft - für die "Brüder und Schwestern in Syrien". Dafür hatten sie fleißig Spenden gesammelt, Benefizveranstaltungen organisiert und das Auto dann gleich selbst nach Syrien gefahren. Dort wurde das Fahrzeug zu einem Truppentransporter des IS umgebaut, samt Bewaffnung auf dem Dach. Nach Ansicht von Innenminister Joachim Herrmann "ein Beispiel dafür, wie deutsche Mitbürger und andere Muslime in die Irre geführt werden".

In fast allen großen bayerischen Städten gibt es mittlerweile mehr oder weniger lose organisierte Salafisten-Gruppen oder einzelne Sympathisanten. Zentren sind München, Regensburg, Schwandorf, Weiden, Bayreuth, der Kreis Nürnberg, Augsburg, Kempten und Neu-Ulm. Das Polizeipräsidium Oberpfalz registriert zwar bei Freitagsgebeten keine signifikante Zunahme von Besucherzahlen. Allerdings befinde sich unter den Besuchern eine "bemerkenswerte Anzahl von Personen, die dem salafistischen Wirkungskreis in seinen vielfältigen Erscheinungsformen zugerechnet werden". Wo sich dschihadistisch geprägte Zentren entwickeln, sei vor allem vom Wohnort jener Menschen abhängig, "die eine Szene festigen können", wie es vom Verfassungsschutz heißt.

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Seine Taten seien unmenschlich und unislamisch: 16 Münchner Imame haben in einer gemeinsamen Erklärung den Terror des Islamischen Staates im Irak und in Syrien verurteilt. Sie appellierten auch an die deutsche Politik.  Von Bernd Kastner

Schätzungsweise ein Dutzend Salafisten leben im Allgäu, die Szene gilt als besonders radikal. Auch deshalb hat die Kemptener Moschee Ideen entwickelt, um den Vormarsch der Salafisten zu stoppen. Ditib finanziert jungen Deutsch-Türken ein theologisches Islamstudium in der Türkei - mit der Hoffnung, dass mit ihnen als moderaten Imamen mehr junge Leute in den Freitagspredigten erreicht werden. "Wissen und Anerkennung sind die beste Waffe gegen Radikalisierung", sagt Bekir Alboga. Er wünscht sich islamischen Schulunterricht und finanzielle Unterstützung für Ditib-Jugendgruppen, "denn allein mit Ehrenamtlichen ist das nicht zu schaffen".

Wer seine eigene Religion gut kennt, ist weniger anfällig für die Werbungsversuche der Männer, die in knöchelfreien Hosen den Koran verschenken oder vor Discos Jugendliche ansprechen. Seit etwa zwei Jahren bauen sie in Nürnberg, München, Regensburg, Weiden, Schwandorf und Erlangen regelmäßig Infostände auf. Mit Polizei, Staat und Verfassungsschutz spielen die Aktivisten Katz und Maus.

"Unsinnig, Salafismus nach Bundesländern aufzutrennen"

Verfassungsschützer halten das Internet und persönliche Kontakte für die gefährlichsten Keimzellen, aus denen gewaltbereite Salafisten herauswachsen. "Man darf sich nicht nur auf die Moscheen fixieren", sagt Schäfert. Zwar sind im Verfassungsschutzbericht einige Moscheen als Plattformen für salafistische Vorträge und Unterricht aufgeführt, darunter die El-Salam- und Darul-Quran-Moschee in München, die Salahuddin-Moschee in Augsburg, die As-Siddiq-Moschee in Regensburg und das Islamisch-Albanische Zentrum in Neu-Ulm - aber das ganze Spektrum an verbal-dschihadistischen Predigten findet sich im Netz. Kein Wunder: Salafisten sehen zwar aus wie aus der Zeit gefallen, aber sie sind jung.

Etwa die Hälfte der ausreisenden Dschihadisten ist unter 25 Jahre alt, fast alle sind unter 35, schätzt der Verfassungsschutz. Sie organisieren sich über Whats-App, verschicken Einladungen zu Benefizveranstaltungen und Links zu Hetzvideos. Auf einschlägigen Facebook-Seiten findet man die Enthauptungsvideos der US-Journalisten Foley und Sottloff in voller Länge. Das Innenministerium nennt es daher auch "unsinnig, Salafismus nach Bundesländern aufzutrennen". Die Personen arbeiteten über Ländergrenzen hinweg zusammen.

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Dass die Gefährdung durch Salafisten in Deutschland auch weiterhin nur "abstrakt" bleibt, dafür arbeitet seit zehn Jahren die bayerische AG Birgit (Beschleunigte Identifizierung und Rückführung von Gefährdern aus dem Bereich des islamistischen Terrorismus/Extremismus). Sechs mutmaßliche IS-Kämpfer durften nach einem Aufenthalt in Syrien nicht mehr nach Bayern einreisen. Die Beamten von Verfassungsschutz, Landeskriminalamt und Ausländerbehörden haben in den vergangenen Jahren mehrere hundert Ausweisungsanträge gestellt. 89 islamistische Gefährder mussten gehen. Ob der nette Imam aus Schwandorf und Bayreuth der neunzigste sein wird, das müssen die Gerichte im nächsten Jahr entscheiden.