Roman Ein Arzt rechnet ab mit der katholischen Kirche

Ich war ganz einfach neugierig, wie es ist, einen Roman zu schreiben, sagt der Frauenarzt Thomas Bäumler aus Neustadt an der Waldnaab.

(Foto: Gabriele Schönberger)

Thomas Bäumler ist Frauenarzt, in in seiner Praxis hat er seit Jahren mit Missbrauchsopfern zu tun. In einem Roman hat er jetzt seine Erfahrungen aufgearbeitet. Er prangert vor allem die katholische Kirche an.

Von Dietrich Mittler

Im Schatten eines Tamariskenbaums, umweht von einer leichten Meeresbrise, sah Thomas Bäumler plötzlich den Tatort vor sich: Rechts und links neben dem Stuhl, auf dem der hochwürdige Herr Prälat Georg Hornberger - "offenbar bestialisch ermordet" - mit entblößtem Unterleib saß, "waren große silberne Leuchter aufgestellt, von denen das abgeschmolzene Wachs in erstarrten Kaskaden nach unten hing". Bäumler, von Beruf Frauenarzt in Neustadt an der Waldnaab, erfasste in diesem Augenblick ein kalter Schauer, und das trotz der 30 Grad Außentemperatur auf der Urlaubsinsel Kreta: Er hatte die ersten Zeilen eines Kriminalromans aufs Papier gebracht.

"Ich war ganz einfach neugierig, wie das so ist, einen Roman zu schreiben", bekennt der mittlerweile 53-jährige Oberpfälzer. Was 2013 beim Kreta-Urlaub seinen Anfang nahm, ist nun abgeschlossen. Bäumlers erster Roman mit dem Titel "Priester, Neffe, Tod" ist jetzt im Buchhandel erhältlich. Rund 180 Druckseiten dick, kostet die Hardcover-Ausgabe 21,90 Euro. Die Auflage beträgt gut 1000 Stück, aber Bäumler ging es beim Schreiben nicht ums Geldverdienen. Sein Erstwerk ist eine Abrechnung mit der katholischen Kirche, oder genauer: Er will anprangern, wie seine Kirche mit Missbrauchsfällen umgeht. "Durch den Roman wollte ich den Blick auf die Opfer richten, ich wollte auf meine Weise die Aufmerksamkeit für sie schärfen", sagt er. Diese Opfer seien für ihn "wahre Heilige", auch wenn sie keiner kenne und ihr Martyrium meist totgeschwiegen werde.

Wie kindliches Urvertrauen zerstört wird

"Seit Jahren verfolge ich mit zunehmender Fassungslosigkeit die Vorgänge und Diskussionen rund um die Missbrauchsproblematik in der katholischen Kirche", sagt er. Anhand seines fiktiven Protagonisten Josef Beierl, der vom eigenen Onkel - dem Prälaten Hornberger - als heranwachsender Bub missbraucht worden war, wollte Bäumler exemplarisch deutlich machen, wie kindliches Urvertrauen zerstört wird. "Und das von Menschen, die eigentlich Vertreter der Liebe Gottes zu den Menschen sein sollten", sagt er.

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Als Frauenarzt wird er seit vielen Jahren immer wieder mit Missbrauchsfällen konfrontiert. "Schon von Beruf wegen bin ich also damit befasst, was sexueller Missbrauch in den Seelen der Betroffenen anrichten kann", sagt Bäumler. Am drastischsten erlebte er das bei einer Frau, die "überhaupt nicht mehr zu reden in der Lage war. Ihr hatte es buchstäblich die Sprache verschlagen". Und vor kurzem erst erschien ein etwa 16-jähriges Mädchen in Begleitung einer nahen Verwandten in seiner Praxis. Bäumler ahnte schnell: "Da stimmt etwas nicht." Nach dem Gespräch mit dem Mädchen war es dann Gewissheit: "Hier steckte ein Missbrauch dahinter." Das Gespräch mit Bäumler gab dem Mädchen letztlich die Kraft, den Täter anzuzeigen.

Die Worte der Opfer, die Bäumler in seiner Praxis vernommen hat, spiegeln sich subtil im Roman wieder - auch die Schuldgefühle, die Missbrauchte oft quälen. Im Roman erinnert sich der Protagonist Josef Beierl: "Am nächsten Morgen erwachte ich mit dröhnendem Schädelweh und dem starken, ja geradezu vernichtenden Gefühl unerträglicher Schuld und alles verzehrender Scham, als ich den zärtlichen und gleichzeitig begehrlichen Blick meines Onkels auf mir ruhen sah." Der Schmerz zwischen den Schenkeln habe ihn an das nächtliche Geschehen erinnert, während der Herr Prälat mit fast flehender Stimme gesagt habe, "was für eine Freude ich Gott damit machen würde, wenn ich wenigstens ab und an mit ihm zärtlich sein wolle".

Die Fiktion ist längst von der Wirklichkeit überholt

Bäumler weiß, dass er mit solchen Worten die Schmerzgrenze vieler Menschen überschreitet. Doch noch unerträglicher sei doch, dass es solche Vorfälle tatsächlich gegeben habe, dass die Fiktion längst von der Wirklichkeit überholt worden sei. Über die Erfahrungen als Frauenarzt hinaus ist Bäumlers Buch von realen Fällen im kirchlichen Umfeld inspiriert - darunter jenem des ehemaligen Domspatzen-Internatsleiters Georg Z., der unter anderem von seinem eigenen Neffen des Missbrauchs bezichtigt worden war. "Der Neffe wurde als Lügner dargestellt", empört sich Bäumler. Nach Georg Z. ist in Eslarn immer noch eine Straße benannt.

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Als dann auch noch die Missbrauchsfälle von Riekofen (Diözese Regensburg) bekannt wurden und die Kirche auch da mehr auf ihren Ruf als auf den Schutz der Kinder bedacht war, reichte es dem gläubigen Christen. Er trat 2009 aus der Kirche aus. "Die Kirchenoberen kannten die Vorgeschichte dieses Mannes, und sie haben ihn dennoch sehenden Auges auf die Kinder losgelassen", sagt Bäumler. Das wollte er nicht einfach so hinnehmen.

Sein Buch "Priester, Neffe, Tod" ist aber auch eine Abrechnung mit der eigenen "christlichen Erziehung" in der Enge eines bigotten Elternhauses. "Ich habe Religion in meiner Kindheit und Jugend als Angst erlebt", sagt er. Ständig sei ihm von den Eltern das Drohbild des strafenden Gottes vor Augen gehalten worden. Spät erst, als Gruppenleiter bei der Katholischen jungen Gemeinde, habe er für sich "den liebenden Gott" entdeckt. Mittlerweile sehe er Gott nicht mehr als Person an, sondern "eher als Idee, die alles durchdringt". Trotzig führt er hinzu: "Und wenn mich jetzt jemand als Ketzer sieht, damit kann ich leben!" In den katholischen Gottesdienst geht er dennoch nach wie vor - schon weil seine beiden Söhne in einem Franziskaner-Kloster ministrieren. "Die Patres dort sind über jeden Zweifel erhaben", sagt er.

Dass er sich erst vor gut zwei Jahren im Urlaub ans Schreiben heranwagt hat, bedauert Thomas Bäumler heute. "Hätte ich doch nur schon früher angefangen", sagt er. Mittlerweile ist sein zweites Buch schon so gut wie fertig. "Es sprudelt richtig aus mir raus."

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