Raubtiere in Bayern Im Wolfserwartungsland

Wieder daheim: Immer öfter wandern Wölfe nach Bayern ein. Es wäre Platz für zig Rudel. Doch die Menschen müssen sich erst wieder an die scheuen Raubtiere gewöhnen.

Von Ulrike Heidenreich

Bei den Gebrüdern Grimm ist der Wolf ein böser, listiger Typ, der das Rotkäppchen vom rechten Weg abbringt und dann schnurstracks zum Verzehr der Großmutter schreitet. Jener Wolf, der jüngst im Fichtelgebirge eine Fotofalle auslöste, scheint auch ein zielstrebiger Typ zu sein. Unbeirrt schnürt der Canis Lupus darauf durch das Schneegestöber und die dunkle Nacht, den Kopf erhoben, wachsam geradeaus gerichtet. Ein Bild der Wildnis, der Einsamkeit, der Stille.

Dieser Wolf lebt im Freigehege des Nationalparks - seine Artgenossen sind inzwischen auch wieder außerhalb des Zaunes unterwegs.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Was jenen Wolf im bayerischen Gebirge aber grundlegend von einigen seiner Märchen-Gesellen unterscheidet, ist, dass er wenig Gelüste auf Menschenfleisch hat. Genauer gesagt: gar keine. Er macht meist einen großen Bogen um den Menschen, räubert lieber in deren Nutztierbeständen. Kreide frisst er zwar keine, trotzdem ist der reale Wolf geschmäcklerisch eher bei den "Sieben Geißlein" anzusiedeln.

Der Bayrischzeller Wolf etwa, der Ende 2009 aus den italienischen Seealpen ins oberbayerische Mangfallgebirge eingewandert war, verletzte oder tötete von Mai 2010 bis Januar 2011 nachweislich 28 Schafe. Ein ansehnliches Menue für einen männlichen Jungwolf. Die Rechnung folgte auf dem Fuße: Die Besitzer der gerissenen Schafe wurden mit insgesamt 3675 Euro entschädigt - und ein wahrer Glaubenskrieg zwischen Natur- und Tierschützern, Jägern und Bauern entbrannte. Die einen verklären das graue Tier, die anderen fürchten es als unberechenbaren Killer.

Vor zehn Jahren war der europäische Grauwolf nach 150 Jahren der Absenz erstmals wieder hierzulande aufgetaucht. Der "böse Wolf" war dämonisiert, gefürchtet, gejagt, von der Kirche gar als Satan diffamiert - und schließlich ausgerottet worden. Fast. Inzwischen fühlt sich der Wolf offenbar wieder pudelwohl - wenn man das so ausdrücken kann - in Deutschland. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Wölfe verdoppelt: Auf 100 bis 120 Tiere schätzt Norman Stier, Wildbiologe an der TU Dresden, den Bestand. Die meisten Wölfe leben in zwölf Rudeln in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

Dass der Wolf die Wildnis zum Überleben braucht, gehört übrigens in den Bereich der Fabel: Die Tier überqueren auch mal mutig sechsspurige Autobahnen, sie können mehr als 70 Kilometer in der Nacht wandern. Die Hinterlassenschaften der Menschen schrecken sie ebenfalls nicht: Durchwegs haben sich die Wolfsrudel auf noch genutzten oder ehemaligen Truppenübungsplätzen angesiedelt. Meist schnüren die Tiere aus diesen neuen Wolf-Biotopen heimlich, still und leise, unbemerkt vom Menschen durch Wald und Wiesen.

Das Schicksal jenes Wolfsrüden, der Ende Mai 2006 auf einer Landstraße in Pöcking am Starnberger See überfahren wurde, ist da ein gutes Beispiel. Dass er so gar nicht im Fokus stand, hatte aber auch einen anderen Grund. Der Pöckinger Wolf stand damals im großen Schatten des Problembären Bruno, der sich ebenfalls im Frühjahr und Frühsommer 2006 in Bayern herumtrieb.

Ein wildes Tier war damals schon mehr als genug für die öffentliche Aufmerksamkeit. Per Genanalyse wurde das tote Tier vom Starnberger See schließlich erst ein halbes Jahr später zum Canis Lupus erklärt - der erste Wolfsnachweis seit 150 Jahren in Oberbayern.