Prepper Die Krise kann kommen

Gruppenbild mit Vorrat: Eine Familie in Texas posiert in den Fünfzigerjahren mit ihrer Ausrüstung für den Notfall.

(Foto: The LIFE Picture Collection/Gett)

Banken-Crash, Naturkatastrophe, Gefährdungslage: Prepper rüsten sich für jeden erdenklichen Notfall mit Panzerkeksen und Pfadfinderausrüstung. Ein Mitglied der Szene erzählt von seinem Notfallplan.

Von Johann Osel

Für den Fall der großen Krise würde Christian erst mal in seinem Haus am Waldrand bleiben, solange es geht - und sich mit dem behelfen, was er besitzt an Vorräten und an Ausrüstung. Das hängt mit seinem kleinen Sohn zusammen, mit dem er sich schlecht durch die Wildnis schlagen könnte, aber auch mit Strategie. Wenn, als Beispiel, das Bankensystem kollabiert und dann der Handel, wenn vielleicht im Ortskern marodierende Banden die Scheiben beim Rewe einschlagen - dann wäre ein verriegeltes Haus am sichersten für die Familie. Christian selbst würde eher in die Gegenrichtung losziehen, zu Wald und Wiesen, in Tarnfleck gewandet, den Rucksack mit der Deutschland- und der Frankenflagge geschultert, ein Beil an der Seite und womöglich den Kanister in der Hand. Er weiß, wo die Trinkwasserquellen sind in der Gegend, er weiß, was die Natur an Essbarem bietet. Er ist gerüstet, falls es brenzlig wird.

Der imposante Rucksack, stets gepackt, heißt im Jargon seiner Zunft: BoB, "Bug out Bag", wie ihn das US-Militär entwickelt hat, um sich etwa bei Absturz in Feindgebiet bis zu 72 Stunden durchzukämpfen. Einen INCH - "I'm never coming home, "Ich komme nie wieder heim" - hat der gelernte Elektroinstallateur nicht. Noch nicht. Der ist teuer, seine Wunschliste für Outdoor-Kram im Internetkaufhaus ist eh üppiger als sein Portemonnaie. Und so lange ist Christian - es bleibt beim Vornamen - noch nicht "Prepper", erst seit zwei, drei Jahren. Vom englischen "to be prepared". Bereit sein für den Fall einer Katastrophe.

Es wirkt wie eine eigene Welt. Die Bewegung kommt aus Amerika, dort kennt man Farmen, auf denen Proviant und Waffen lagern für eine ganze Kompanie. Seit einigen Jahren findet die Idee hierzulande mehr und mehr Anhänger. Wie viele bewusste Prepper es gibt, ist unbekannt. Tausende dürften es sein, in Bayern sicher einige hundert.

"Bloße Kenntniserlangung von Personen", die riesige Mengen Lebensmittel horten, sei keine Grundlage zur polizeilichen Speicherung, meldete Bayerns Innenministerium im Sommer auf eine SPD-Anfrage. Aussagen zur Struktur und Größe der Szene seien nicht zu treffen, auch nicht über verfassungsfeindliche Ansichten. Oder zum Anteil sogenannter Doomer, die quasi freudig auf einen Bürgerkrieg warten, um sich mit Gewalt Recht zu verschaffen. Erkenntnisse gebe es jedoch über zwölf Menschen im Freistaat mit Prepper-Bezug: Sie wurden der Polizei bei Ermittlungen bekannt. Gegen vier von ihnen gab es waffenrechtliche Verfahren.

Bundesweit haben einige Fälle, in denen "Reichsbürger" und offenbar militante Neonazis als Prepper identifiziert wurden, die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Eine "generelle Gefährdungslage" sei in der heterogenen Szene nicht erkennbar, hieß es zuletzt aus der Innenministerkonferenz, die gleichwohl eine mögliche "Unterwanderung" prüft. Ende November berät sie erneut. Der Ruf der Szene ist jedenfalls ruiniert. Christian will sich dagegen wehren, in seinem Verein "Prepper".

Zu Besuch bei dem 40-Jährigen, eine Gemeinde im Kreis Coburg. Er ist "Bereichsleiter Süd" im Verein. Eine Deutschlandfahne wartet am Mast vorm Haus auf Wind. Ein gutes Zeichen: Ein Reichsbürger würde die nie haben. Der Sohn schaut "Captain America" im Fernsehen, Papa kocht Kaffee und kommt ins Erzählen. Ja, er sei schon "Patriot, mein Herz ist bei unserem Land und den einfachen Leuten". Da werde aber "viel über einen Kamm geschert". Zur Flüchtlingspolitik mag er nichts sagen. Für den Verein spiele Politik überhaupt keine Rolle, auch wenn zuweilen diskutiert werde wie am Stammtisch. Man distanziere sich "vollkommen von politischen Bewegungen gleich welcher Richtung, extreme Ansichten in alle Richtungen werden nicht geduldet und haben den Ausschluss zur Folge".

Reichsbürger hätten hier nichts zu suchen, im Gegenteil: Man wünsche sich mehr Zusammenarbeit mit den Behörden. Und man habe bereits Interessenten abgewiesen, einen etwa, der in sozialen Netzwerken mit dem Gewehr fuchtelte. Richtschnur: das Waffengesetz - das ergebe große Unterschiede zu den USA. Prepper sein, sagt Christian, sei für ihn "viel mehr Lifestyle als Weltanschauung". Die Grundidee sei, einfach gewappnet zu sein oder zu wissen, wie man im Notfall reagiere. "Damit man nicht die Krise schiebt in der Krise."

Darauf gestoßen ist er über Facebook; man mache sich Gedanken, was auf der Welt los sei und was wäre, wenn Strom und Wasser weg seien oder das Bankensystem kippe. "Da kommt man ins Grübeln, unser Leben hängt ja im Grunde an dieser kleinen Plastikkarte zum Bezahlen." Das sind die Krisen, die er "als am wahrscheinlichsten" sieht. Vielleicht noch Elektro-Blackout, kurzzeitig. Naturkatastrophen erwarte er hier keine, "da deckt halt vielleicht der Sturm ein paar Dächer ab". Und Krieg? Bürgerkrieg? "Weniger", aber angesichts der "Spielchen zwischen Ost und West" in der Welt - "man sollte niemals nie sagen." Generell, glaubt er, springe ja die Vorsorge des Staates ein, "aber dauerhaft und flächendeckend sieht das schon anders aus. Meiner Ansicht nach sollte jeder was tun." Er sagt das nüchtern, fast beiläufig werden Krisen skizziert. Ängstlich wirkt er nicht.