Nürnberg Ein Kulturzentrum für Landsleute

Ewald Oster ist Vorsitzender der Landsmannschaft.

(Foto: stmas)

Ministerpräsident Markus Söder eröffnet in Nürnberg einen Treffpunkt für Russlanddeutsche, den er in seiner ersten Regierungserklärung versprochen hat. Das Haus soll Anlaufstelle sein und die Geschichte der Volksgruppe dokumentieren. Der Vorsitzende der Landsmannschaft ist darüber "der glücklichste Mensch"

Von Claudia Henzler, Nürnberg

Man konnte Ewald Oster anmerken, dass dies ein besonderer Tag für ihn war. "Sie sehen, ich bin aufgeregt", wandte er sich zu Beginn seiner Rede an Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Die Eröffnung des provisorischen Kulturzentrums für die Russlanddeutschen bedeute für ihn sehr viel: "Mit meinen 68 Jahren bin ich der glücklichste Mensch hier in Bayern." Oster war als junger Mann mit seiner Familie aus der damaligen Sowjetunion nach Unterfranken gekommen. Bei der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland engagiert er sich seit Jahrzehnten, seit 2015 ist er deren Vorsitzender in Bayern. Er habe sich immer als Deutscher gesehen, sagte Oster, dennoch könne er den Satz gar nicht oft genug hören, den Söder zuvor in seiner Ansprache gesagt hatte: "Die Deutschen aus Russland sind keine Migranten, sondern Landsleute."

Das Kulturzentrum war eines der zahlreichen Projekte, die Söder bei seiner ersten Regierungserklärung im April 2018 versprochen hatte. Kein Dreivierteljahr später folgte nun in Nürnberg die Schlüsselübergabe für eine Vorstufe des Großprojekts, dessen endgültige Dimensionen noch unbekannt sind. Vorläufig handelt es sich um 250 Quadratmeter im fünften Stock eines Einzelhandelszentrums im Süden der Nürnberger Altstadt - Platz genug für Büros und kleinere Veranstaltungen. Der Mietvertrag gilt für fünf Jahre, bis dahin soll irgendwo in Nürnberg eine passendere Immobilie gefunden oder gebaut werden.

Der Ministerpräsident sparte bei der symbolischen Übergabe des Schlüssels nicht an Worten der Wertschätzung für die Russlanddeutschen. Das geplante Kulturzentrum sei "ein ganz bewusstes Signal" und auch "ein Stück Respekt und Bekenntnis der Landsmannschaft gegenüber". Das sei keine parteipolitische Angelegenheit, sondern "eine staatliche Aufgabe", betonte er. "In den Zeiten, in denen wir so viel Nationalismus, Populismus, Revanchismus erleben, sind Sie ein Botschafter des Friedens." Die Russlanddeutschen hätten nicht nur den Mut gehabt, ihre Kultur und Identität auch nach dem Zweiten Weltkrieg in einem schwierigen Umfeld zu bewahren, sie hätten in Deutschland dafür gesorgt, "dass sich neue und alte Heimat verbinden".

Die Landsmannschaft kann nun professionalisieren, worum sie sich bisher als Laienorganisation mit ehrenamtlichen Kräften bemüht hat: Die eigene Kultur bewahren, historische Gegenstände archivieren, Zugezogenen die Integration erleichtern und die Anliegen der russlanddeutschen Community in der Gesellschaft vertreten, deren Zahl in Bayern auf 450 000 geschätzt wird. Oft waren die Ehrenamtlichen in der Vergangenheit von dieser Aufgabe überfordert, speziell als in den Neunzigerjahren Hunderttausende Spätaussiedler ins Land kamen und es Probleme bei der Integration gab. Damals seien viele Vorurteile gegenüber seinen Landsleuten entstanden, beklagte Oster kürzlich. Tatsächlich sei aber belegt, dass es sich bei Aussiedlern um eine sehr integrationsfreudige Herkunftsgruppe handle. Die zweite Generation übertreffe bei den für Integration relevanten Indikatoren sogar die Einheimischen.

Zuletzt ärgerte sich die Landsmannschaft darüber, dass Russlanddeutschen eine besondere Nähe zur AfD unterstellt wird, was aus ihrer Sicht nicht gerechtfertigt ist. Gleichwohl sieht der frühere Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Waldemar Eisenbraun, den Bedarf, im neuen Kulturzentrum Angebote zur nachgeholten Integration zu machen und Spätaussiedlern, die bisher mit dem Aufbau ihrer Existenz beschäftigt waren, Wissen über Politik und Kompetenzen im Umgang mit Medien zu vermitteln.

Der 44-jährige Eisenbraun hat vor einem halben Jahr die vom Freistaat finanzierte Stelle als Kulturreferent der Russlanddeutschen übernommen und wird das Team des neuen Zentrums aufbauen. Fünf bis sechs Mitarbeiter will er einstellen, sobald der neue Landeshaushalt beschlossen ist. Neben wissenschaftlichen Mitarbeitern, die Ausstellungen konzipieren oder Zeitzeugengespräche führen und dokumentieren, könnten das ein Eventmanager und ein Medienprofi sein. Jetzt muss Eisenbraun erst einmal Möbel besorgen. Wenn es nach ihm geht, sollen schon bald die ersten Autorenabende über die Bühne gehen.

Finanziert wird das Kulturzentrum vom Freistaat. Das Sozialministerium hat für den neuen Doppelhaushalt 2019/20 Kosten in Höhe von einer Million Euro pro Jahr angemeldet. Betrieben wird das Zentrum von den Deutschen aus Russland beziehungsweise dem von der Landsmannschaft neu gegründeten Trägerverein "Bayerisches Kulturzentrum der Deutschen aus Russland e.V." (BKDR).

Das inhaltliche Konzept ist laut Sozialministerium noch in der Abstimmung, den Auftrag der Einrichtung fasst es so zusammen: "Es soll mit wechselnden Ausstellungen und Vorträgen einen Einblick in die Geschichte und reiche Kultur der Deutschen aus Russland geben und der breiten Öffentlichkeit ein Bewusstsein über das Schicksal der Volksgruppe vermitteln." Damit solle es zentrale Anlaufstelle für die Russlanddeutschen aus ganz Bayern und "Ort des Dialogs durch Begegnung" werden.