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Niederbayern:Serientäter lockert Radmuttern

Der jüngste Anschlag galt einem Schulbus: Bislang hat die Polizei in Niederbayern 70 Fälle gezählt, in denen Räder manipuliert worden sind. Bei drei Fahrzeugen haben sich die gelockerten Räder gelöst.

78 Jahre ist Otto Simon alt, nächstes wird er sein 50. Jubiläum als Busunternehmer feiern. Doch so etwas wie am vergangenen Donnerstag, sagt der Mann aus dem niederbayerischen Jandelsbrunn, so etwas sei ihm in all der Zeit noch nicht untergekommen. Auch die Polizei hat so etwas noch nicht erlebt. Und alle stellen sich die Frage: Wer tut so etwas?

Einer von Simons Fahrern war mit einem Schulbus auf der Straße zwischen Waldkirchen und Jandelsbrunn unterwegs, als sich plötzlich ein Rad löste und über die Gegenfahrbahn schoss. Wäre in dem Moment ein Fahrrad- oder Motorradfahrer entgegengekommen - er wäre womöglich tot gewesen.

Was hätte passieren können, wären die 19 Plätze des Kleinbusses nicht leer, sondern voll besetzt gewesen, will sich Simon nicht vorstellen. Der Fahrer fuhr zur Schule, um die Kinder abzuholen, die er in der Früh hingebracht hatte. Das Malheur mit dem Rad hätte genauso gut auf dem Hinweg oder etwas später passieren können. Simon ist überzeugt, dass die Radmuttern vorsätzlich gelockert wurden. Die Polizei teilt diese Auffassung.

Etwa 70 solcher Fälle hat die niederbayerische Polizei in diesem Jahr bereits gezählt. Vergleichswerte existieren nicht. Zu unbedeutend war die Anzahl ähnlicher Vorfälle in der Vergangenheit, als dass sie registriert worden wären. Ihr Schwerpunkt liegt im Bayerischen Wald, etwa zwei Drittel der gelockerten Radmuttern wurden in den Landkreisen Regen und Deggendorf gemeldet. Die meisten in den vergangenen drei Monaten, Tendenz steigend.

Drei Mal haben sich Räder gelöst

Wer hinter den Anschlägen steckt, darüber ist sich die Polizei noch im Unklaren. Womöglich sind ein paar Nachahmer abzuziehen, vielleicht ein paar jugendliche Spinner, die darin eine Mutprobe sehen. Doch als Kavaliersdelikt sei die Sache nicht zu bezeichnen, sagt Michael Emmer vom Polizeipräsidium Niederbayern. Die Kriminalpolizei Deggendorf hat inzwischen eine Arbeitsgruppe gegründet, bei der die Fäden zusammenlaufen. Ermittelt wird wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Sachbeschädigung. Lässt sich nachweisen, dass ein Täter einen Unglücksfall herbeiführen wollte, handelt es sich um einen Verbrechenstatbestand. Die Strafe: mindestens ein Jahr Gefängnis.

Bei drei Fahrzeugen haben sich die gelockerten Räder bislang gelöst: einmal auf einer Bundesstraße kurz vor Viechtach, ein anderes Mal auf der Autobahn zwischen Regensburg und Deggendorf. Beide Autofahrer überstanden den Unfall unverletzt, auch deshalb, weil sie nicht zu schnell unterwegs waren. Die Sache mit dem Bus sei nun allerdings noch mal eine neue Dimension, heißt es aus Polizeikreisen.

Dass der Schulbus nicht von der Straße abkam, war wohl pures Glück. Nur der äußere der hinteren beiden Zwillingsreifen löste sich, das ebenfalls gelockerte innere Rad blieb an dem Fahrzeug hängen und verkeilte sich. Dass jemand Hand an seinen Bus gelegt haben muss, steht für Simon fest. Alle Radmuttern seien mit einer Sperrverzahnung versehen, "die können sich nicht lösen". Ein erkennbares Muster gibt es nicht, die Taten ereignen sich offenbar zu allen Tageszeiten. Man sei für jeden Hinweis aus der Bevölkerung dankbar, sagt Polizeisprecher Emmer. Autofahrer sollten ihre Fahrzeuge nach Möglichkeit in der Garage abstellen und vor der Fahrt überprüfen. Otto Simon hat dies bereits angeordnet: Bislang wurden seine Busse einmal in der Woche gewartet. Nun hat er seine Fahrer zur täglichen Kontrolle der Räder angewiesen.