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Neue Vorwürfe gegen Amazon:"Als würden die Menschen dressiert werden"

Graben: AMAZON - Logistikzentrum

"Arbeite hart, hab Spaß, schreibe Geschichte" - nach dem Motto sollen Mitarbeiter die Vorgaben von Amazon erfüllen - ein Blick ins Logistikzentrum in Graben.<QM>

(Foto: Johannes Simon)

Extremer Leistungsdruck, systematische Überwachung des Arbeitspensums, schlecht temperierte Lagerhallen: Ehemalige Amazon-Mitarbeiter berichten der SZ von unmenschlichen Arbeitsbedingungen in einem Logistikzentrum des Online-Händlers. Protokolle aus der Amazon-Galeere.

15.05 Uhr, Amazonstraße 1, Schichtwechsel im Amazon-Logistikzentrum in Graben (Landkreis Augsburg). Durch sechs Drehtüren verlassen die Mitarbeiter des Internethändlers die grau-gelbe Lagerhalle. Die meisten haben ihre Mitarbeiterkarte um den Hals hängen, viele tragen knallorange Warnjacken und die schwarz-orangen Sicherheitsschuhe mit dem Firmenlogo. Viele wollen nicht mit der Presse sprechen. Diejenigen, die etwas sagen, zeigen sich zufrieden: "Ich bin Amazone und stolz darauf", sagt eine Frau. Eine andere sagt: "Als Ungelernte verdiene ich nirgends so viel wie hier." Der US-amerikanische Konzern steht unter verschärfter Beobachtung, seitdem die ARD-Dokumentation "Ausgeliefert" über Missstände im Umgang mit ausländischen Leiharbeitern am Amazon-Standort Bad Hersfeld berichtet hatte. Amazon reagierte daraufhin sehr schnell und trennte sich von zwei Dienstleistungsunternehmen, die für die Betreuung beziehungsweise die Sicherheit der Saisonkräfte zuständig waren.

Doch nun gibt es auch scharfe Kritik an den Arbeitsbedingungen im Logistikzentrum Graben. Mehrere ehemalige Mitarbeiter berichten der Süddeutschen Zeitung von extremem Leistungsdruck und unmenschlichen Arbeitsbedingungen, von systematischer Überwachung des Arbeitspensums und schlecht temperierten Lagerhallen, die zu zahlreichen Kreislauf-Kollapsen geführt hätten.

"Seit der ARD-Sendung sprechen alle Leute immer nur von den Leiharbeitern, aber bei den Leuten, die vom Arbeitsamt vermittelt wurden, war es ganz genauso", sagt eine ehemalige Führungskraft. Überhaupt stünden bei Amazon alle unter Druck, auch die festangestellten Führungskräfte. Ihnen bleibe gar nichts anderes übrig, als diesen Druck weiterzugeben an die "Picker", "Packer" und "Cart-Runner", wie die Arbeiter im Firmenjargon heißen. "Als ich den ständigen Leistungsdruck nicht mehr aushielt und kündigte, musste ich 25 Euro Bearbeitungsgebühr für die Kündigung bezahlen", berichtet die Führungskraft. "Ich habe das gezahlt, ich wollte ja nur noch weg, das war wie auf einer Sklaven-Galeere."

Die Amazon-Pressestelle bezeichnet die Vorwürfe entweder als "haltlos" oder als "Einzelfälle". Sie betont, "jedem Vorfall nachzugehen" und bittet "zu berücksichtigen, dass bei über 88 000 Mitarbeitern weltweit die Bewertung des Unternehmens anhand einzelner Vorfälle sehr schwierig ist". Doch auch Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck und Diakon Erwin Helmer, Leiter der Betriebsseelsorge in der Diözese Augsburg, kritisieren das Unternehmen für ihren Umgang mit Mitarbeitern. Die SZ protokolliert, wie einige Mitarbeiter und die Unternehmensleitung das Arbeiten in Graben sehen. Da jeder Mitarbeiter bei seiner Anstellung unterschreiben muss, keine Firmeninterna nach außen zu geben, sind die Berichte des Personals anonymisiert.

Der Arbeitstag

Die Führungskraft: Beim sogenannten "Start-Meeting" vor jedem Arbeitstag hielt der Hallenmanager immer eine Ansprache. Er stand oben im ersten Stock, sein Team unten im Erdgeschoss. Das muss man miterleben, das war Motivation wie in den Galeeren. Jeder sogenannte Picker, der die Waren aus den Regalen zusammensammelt, hat einen Scanner, mit dem er die Waren scannt. Dieses Gerät misst aber auch deine Schrittweite, deine Bewegungen, deine Stückzahlen. Und es stellt fest, wenn du stehst. Der sogenannte Leader (Vorgesetzte) bekommt dann eine Meldung auf den Bildschirm: Der Picker steht. Für jeden Picker erstellt der Computer ein Balkendiagramm. Das zeigt, wie er gearbeitet hat. Wenn Leute unter der Linie waren, wurde das angesprochen.

17 Uhr war an jedem Tag der heilige Termin. Wenn bis dahin die Pakete nicht fertig waren, bekam der Leader Fehlpunkte. Diesen Druck muss er nach unten weitergeben, sonst verliert er den Job. Die Picker mussten bis zu 25 Kilometer am Tag gehen. Das alles mit einem Aluwagen und auf Betonboden in unbequemen Sicherheitsschuhen. Die Warenwagen werden per Aufzug in den dritten Stock gebracht, die Leute müssen aber laufen. Das Durchschnittstempo der Picker wurde vom Standort Leipzig vorgegeben. Da wurden ab 2012 alle Standorte verglichen. Ein Dienstplan im Dezember sah vor, dass ich durchgehend 20 Tage Nachtschicht machen sollte - ohne freien Tag. Ich ging zum Chef und sagte, das geht nicht. Ich bekam zu hören: "Wenn Sie nicht wollen, dann können Sie ja gehen. Es sind genügend andere da."

Der Packer: In der Pack-Abteilung herrschte unmenschlicher Zeitdruck: Bei den Singlepacks (Pakete mit einem Produkt) musste jeder pro Stunde 200 Stück verpacken. Ich schaffte im Schnitt etwa 75 bis 100 Prozent. Bei den Multipacks (zwei Artikel oder mehr) muss man 100 Päckchen pro Stunde schaffen. Das ist aber nicht machbar. Meine Bestleistung lag bei 75 Prozent. Die Chefs sehen auf ihrem PC, wie viel Prozent du hast. Das wird dir dann am nächsten Tag bei Schichtbeginn gesagt. Wenn man nicht so viel Druck hätte, würde man viel weniger hudeln und viel weniger Fehler machen. Ich wurde auch einmal ins Krankenhaus gebracht, wegen Kreislaufproblemen. Ich glaube, das Rote Kreuz war drei- bis viermal pro Tag da, um Leute zu behandeln.

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Betriebsseelsorger Erwin Helmer und Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck (rechts) stehen in engem Kontakt mit den Mitarbeitern. 

(Foto: Stefan Puchner)

Die Pickerin I: Beim Eignungstest mussten wir gelbe Postkisten mit 15 Kilo hochheben. Außerdem wurden Fragen gestellt wie: Was halten Sie von Amazon? Und: Macht der Internetversandhandel den Einzelhandel kaputt? Am ersten Tag bekam ich eine durchsichtige Plastiktrinkflasche, dafür wurden mir zwei Euro vom Lohn abgezogen. Wir durften nur diese Flasche mit hineinnehmen. Die Schuhe, die wir von Amazon bekamen, waren hart und unbequem. Ich habe Geleinlagen reingetan, aber das hat nicht viel gebracht.

Die Pickerin II: Beim Arbeitsamt hieß es, Nachtschicht sei nur freiwillig. In meinem ersten Dienstplan waren aber 16 Tage Spätschicht am Stück und ein Tag Nachtschicht eingetragen. Ich dachte, das war ein Schreibfehler. Mir wurde dann von meiner Leaderin gesagt: "An diese Zeiten wirst du dich schon gewöhnen." Ich bekam Blasen und dicke Knie, weil man sich hinknien muss, um in die untersten Regale zu kommen. Da muss man manchmal reinkrabbeln und suchen.

Der Cart-Runner: Die Pause dauert offiziell 35 Minuten. Aber ich brauchte von meinem Arbeitsplatz zur Kantine fünf Minuten hin und fünf Minuten zurück. Da ich beim zweiten Gong schon wieder an meinem Arbeitsplatz sein musste, musste ich mich immer sehr beeilen, wenn ich was essen und noch eine rauchen wollte. Effektiv hatte ich eigentlich nur 25 Minuten Pause. In manchen Hallen ist es im Sommer sehr heiß und stickig. Da sind immer wieder Mitarbeiter umgefallen.

Gewerkschafter Gürlebeck: Manche Sachen aus Containern, die aus Übersee kamen, gasen noch aus, da sind schon viele Leute umgefallen. Deshalb gab es eine Anweisung, dass man das Schuhlager nur noch zu zweit betreten darf. Die Kantine ist desolat, weil teuer und schlecht. Meistens gibt es Leberkäs und der ist innen oft noch roh. Immer wieder gibt es spontane Schicht-Verlängerung oder -Verkürzung. Im Startmeeting wird dann gesagt: Und übrigens ist heute eine Stunde länger. Bei der Einstellung heißt es, jeder zweite Samstag sei frei. Aber dann haben die Leute nur zehnmal im Jahr am Samstag frei - wenn sie Glück haben.

Das sagt das Unternehmen: Amazons Ziel ist es, Kundenwünsche zu erfüllen und Kundenerwartungen zu übertreffen. Daran arbeiten alle Mitarbeiter, und gerade unsere Kollegen in den Logistikzentren spielen hier eine wichtige Rolle. Wir arbeiten in unseren Logistikzentren mit hochtechnischen Systemen und Prozessen, mit Hilfe derer wir die Sicherheit und Qualität des Arbeitsumfelds gewährleisten. Ziel solcher Systeme ist die Qualitätssicherung, um unseren Kunden ihre Bestellungen schnell und zuverlässig zu liefern.

Bei saisonalen Absatzschwankungen können Überstunden auch trotz sorgfältigster Planung erforderlich werden. Dabei stellen wir selbstverständlich sicher, dass die gesetzliche Höchstarbeitszeit unserer Mitarbeiter nicht überschritten wird und die erforderlichen Ruhezeiten eingehalten werden. Selbstverständlich erfolgt die Erstellung der Schichtpläne für unsere Mitarbeiter ebenfalls im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen.

Hire and Fire

Die Führungskraft: Manchmal kam die Security und nahm einfach die Leute raus. Zwei Mann nahmen einem Mitarbeiter die Karte weg und führten ihn nach draußen. Im Amazon-Jargon hieß das: Leute werden terminiert. Das habe ich mindestens zehnmal erlebt - meistens wohl wegen "Diebstahls". Zum Beispiel, wenn einer vorübergehend ein Produkt in die Hosentasche steckte, weil er beide Hände schon voll hatte und es woanders nicht unterbrachte. Natürlich ist da ein Haufen Wert in den Hallen, aber diese Mittel sind doch weit überzogen. Das ist wie in einer JVA.

Gewerkschafter Gürlebeck: Das ist teilweise pervers: In einem Büro gibt es Gruppen-Entlassungen, da bekommen die Leute ein Dankeschön und ein Milka-herz. Am gleichen Tag ist im anderen Büro Hiring Day, da werden die Leute umworben und eingestellt. Zurzeit läuft ein Verfahren vor dem Arbeitsgericht, weil einem Mitarbeiter fristlos gekündigt wurde, nur weil er seine Meinung gesagt hat. Das war Mitte Januar, für diesen Monat hat ihm die Firma dann einen Cent Lohn überwiesen.

Die Überwachung

Der Cart-Runner: Es gibt ein System mit gelben und grünen Karten. Die grüne ist für Lob da, ich habe aber nie erlebt, dass die jemand bekommen hat. Nach drei gelben Karten wird man gekündigt. Mir wurde einmal gesagt: "Wenn du das noch einmal machst, dann kriegst du sofort die gelbe Karte." Warum? Ich hatte den Weg für die Gabelstapler an einer Stelle überquert, die für Fußgänger verboten ist. Das war in einem sehr unfreundlichen Ton.

Gewerkschafter Gürlebeck :Jeder Mitarbeiter steht unter generellem Diebstahl-Verdacht. Ich habe miterlebt, wie eine junge Frau mit dem Metall-Sensor total eng am Körper abgetastet wurde. Am BH-Verschluss fuhr der Security-Mann mehrmals rauf und runter, das war ihr sichtlich unangenehm. Das ist nicht schön, das kann man anders regeln. Man sollte die Waren überwachen und nicht die Mitarbeiter, zum Beispiel mit Chips. Mir kommt es so vor, als würden die Menschen dressiert werden. Wer beim Treppensteigen die Hand nicht am Geländer hat, kriegt die gelbe Karte. Das läuft unter dem Motto "Safety first", aber da wird der Einzelne doch entwürdigt. Man geht da rein und muss für sieben Stunden seine Persönlichkeit aufgeben. Selbstbestimmung gibt es nicht.

Ein Kollege musste sich einmal vor dem Vorgesetzten rechtfertigen, warum er da und dort gestanden sei. Diese totale Überwachung und Leistungskontrolle baut Druck auf und macht kaputt. Im Sommer war der Krankenstand himmelschreiend.

Die Führungskraft: Bei der Security waren heftige Kameraden dabei, das hat an die Bundeswehr erinnert. So behandelt man die Leute nicht.

Das sagt das Unternehmen: Wie in jedem Unternehmen, das über ein Warensortiment mit Millionen Artikeln - teilweise im sehr hochpreisigen Segment - verfügt, hat auch Amazon Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um das Unternehmen und seine Mitarbeiter zu schützen.

Die Stimmung

Der Cart-Runner: Es hängen Plakate herum: "Work hard, have fun, make history". Die Schichtführer haben uns aufgefordert, dass wir uns beeilen sollen. Es kam öfter vor, dass Leads Sprüche gemacht haben wie: Schau mal, der ist schneller als du, geht es bei dir nicht auch so schnell?

Diakon Helmer: Alle sind per Du. Das Problem ist: Wenn einer einen rüden Ton hat, dann wird er von niemandem gebremst.

Gewerkschafter Gürlebeck: Alle wissen, dass der Umgang nicht richtig ist, aber das ist halt immer noch besser als der Regelsatz bei Hartz IV. Die Situation ist miserabel, wo die Führung schlecht ist. Es gibt auch menschliche Leads, da herrscht ein Stück weit Zufriedenheit.

Das sagt das Unternehmen: Die partnerschaftliche und direkte Zusammenarbeit mit Mitarbeitern ist uns sehr wichtig - deshalb gibt es an allen deutschen Logistikstandorten Arbeitnehmervertretungen, sei es in Form von Betriebsräten oder Mitarbeiterforen. Am Standort in Graben wurde soeben ein Betriebsrat gewählt, mit dem das Unternehmen eng zusammenarbeiten wird.

Die Politik

Gewerkschafter Gürlebeck: Das Erschreckende ist, dass unser Arbeitsrecht solche amerikanischen Strukturen hergibt. Der Arbeitgeber nützt ja nur die rechtlichen Freiräume. Das Teilzeit- und Befristungsgesetz muss geändert werden, das bringt Beschäftigte in prekäre Situationen. Die Bundesarbeitsministerin springt auf den Zug auf und sagt, wie schlimm alles ist. Aber eigentlich müsste sie klare Neuregelungen treffen, anstatt nur salbungsvolle Worte zu sprechen.

Diakon Helmer: Amazon ist nur die Spitze des Eisberges und zeigt, wie lückenhaft unser Sozialstaat ist und was an Lohn- und Sozialdumping möglich ist. Die Abwertung der Arbeit, die Entwürdigung und Prekarisierung schreitet vor unserer Haustür voran. Frau von der Leyen, Sie sind ja nicht nur Arbeits-, sondern auch Sozialministerin. Bitte greifen Sie diese Fragen auf!

© SZ vom 02.03.2013/segi

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