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Mysteriöse Mordserie:Theorie vom diabolisch veranlagten Psychopathen

Georg Schalkhaußer sitzt in einem schmucklosen Zimmer in Nürnberg. Vor ein paar Jahren konnte man der Sonderkommission noch bei der Arbeit zusehen, es gab Räume mit imposanten Schrankwänden, auf den Akten prangte der Schriftzug "Bosporus". Allein in Nürnberg arbeiteten bis zu 60 Beamte an der Mordserie, der Chef der Ermittlungen bat oft zum Pressegespräch. Jetzt leitet Schalkhaußer die Ermittlungen, zuständig aber ist keine Soko mehr, sondern die Männer von der MK3, das ist die Mordkommission für ungelöste Altfälle. Genau genommen, sagt Schalkhaußer, kümmert sich kein Beamter mehr ausschließlich um die Mordserie. "Dazu kommt zu wenig Neues." Von Nürnberg aus aber, wo der Mörder dreimal zuschlug, werden die Ermittlungen weiterhin koordiniert, dort sitzen die Spezialisten. Schalkhaußer sagt, er habe inzwischen wohl 50 von 1500 Aktenordnern durchkämmt, seit er die Sache übernommen hat. Sind seine Leute frustriert? "Letztlich betrachten wir den Stand der Dinge als Misserfolg", sagt er, "und man kann es wohl auch nicht anders betrachten."

Nürnberg, Scharrerstraße. Hier wurde Ismael Yasar erschossen, fünf Jahre nach dem Mord am Blumenhändler Simsek. Der 50-jährige Yasar war das älteste der neun Opfer, und wenn man so will, war er auch das prominenteste. In seiner Bude verkaufte Yasar hier bis zum 9. Juni 2005 seine Döner, und glaubte man den Zetteln, die Schüler aus der benachbarten Scharrerschule nach der Hinrichtung an die Bude gepappt haben, dann waren es "die leckersten der Stadt".

Selbst fünf Jahre danach wirkt der Tatort wie frei erfunden. Die Dönerbude ist längst weg, aber man sieht noch die Gebäude, aus denen Yasars Kunden kamen: eine Bank, die Post, eine Tankstelle, ein Taxistand, ein Jugendzentrum, ein Supermarkt, die Schule und die Bundesagentur für Arbeit. Es ist wohl eine glänzende Umgebung, um Döner zu verkaufen. Aber es ist ein ungewöhnlicher Ort, um an einem Donnerstag einen Mann zu erschießen, während der Schulzeit.

In sechs Städten schlug der Täter zu. In München zweimal, einmal in Hamburg, einmal in Rostock, einmal in Dortmund, einmal in Kassel. In Nürnberg, wo die Mordserie am 9. September 2000 begann, schlug er dreimal zu, immer im Süden oder im Südosten der Stadt. Vor drei Jahren schien sich bei den Ermittlern eine zweite Theorie durchzusetzen, nicht mehr jene vom Killer, der in Ungnade gefallene Kleinhändler einer Organisation abstraft. Damals glaubte man eher an einen diabolisch veranlagten Psychopathen, möglicherweise mit einem Hass auf Migranten - und womöglich mit einem Lebensschwerpunkt in Nürnberg-Süd.

Im März 2007 wurden 100.000 Haushalte im Süden Nürnbergs per Postwurfsendung um Mithilfe gebeten. Auch im Postkasten von Günther Beckstein, damals bayerischer Innenminister, dürfte so ein Aufruf gelandet sein. Vom Waldsportplatz der DJK Langwasser - dort, wo die Mordserie begann - ist es kaum ein Kilometer bis zu Becksteins Bungalow. Während seiner Amtszeit habe ihm wenig anderes mehr Kopfzerbrechen bereitet als die Causa Bosporus, sagt er.

© SZ vom 06.08.2010/hai
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