Mühldorf:Die Namen überleben

Die neue, sehr bedrückende Dauerausstellung des Kreismuseums Mühldorf rückt die Menschen ins Zentrum, die in der Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau zu Tode gebracht wurden

Von Rudolf Neumaier, Mühldorf

Namen, Namen, Namen. Es sind Totenlisten. Tote Frauen, tote Männer, tote Säuglinge. Manche Namen ragen hervor, Namen, die mit Porträtfotos versehen sind. Siegfried Hellmann zum Beispiel: ermordet in einem Vernichtungslager. Oder Carl Paul Rotthaus: umgebracht in einer Verwahranstalt im heutigen Stadtteil Altmühldorf. Dann das Bild der Zwangsarbeiterin Janina Krawczyk, die ihren Sohn Josef verlor: Er wurde im Alter von drei Monaten zu Tode gebracht in einem Bretterverschlag, den die Nazis "Kinderheim" nannten. Die Namen vieler der etwa 4000 Toten im KZ-Außenlager draußen vor der Stadt lassen sich kaum noch ermitteln. Mühldorf war ein Todesort. Doch es gibt auch Namen von Opfern, die überlebten. Und Namen von Nazis: Hans Gollwitzer - sieben Jahre nach dem Krieg wählten ihn die Mühldorfer wieder zum Bürgermeister. Noch heute halten sie seinen Namen mit der Hans-Gollwitzer-Straße in Ehren.

Die neue Dauerausstellung des Mühldorfer Kreismuseums könnte eine fällige Debatte über Gollwitzer auslösen. Sie führt klug, dicht und schonungslos die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt und des Umlandes vor Augen, die nach 1945 subkutan fortdauerte, als das Grauen großflächig verdrängt wurde. Der Historiker Marc Spohr hatte anderthalb Jahre Zeit, die Ausstellung zu realisieren. Er nutzte diese Zeit intensiv: Er recherchierte bei großen Institutionen wie den National Archives von Washington ebenso wie bei kleinen, etwa im Archiv der niederländischen Provinzstadt Meppel, wo der vertriebene jüdische Pferdehändler Siegfried Hellmann aus Mühldorf vor seiner Deportation in ein Todeslager mittellos lebte. Der sperrige Titel "Alltag, Rüstung, Vernichtung" täuscht: Die Details und Hintergründe über die Opfer machen den Besuch dieser Ausstellung zu einem lehrreichen und sehr bedrückenden Geschichtserlebnis. Was allerdings noch fehlt, ist eine Publikation über Spohrs Recherchen.

Das letzte Geschichtsbuch des Landkreises Mühldorf datiert aus dem Jahr 1962. Der Beitrag über die Bunkeranlage ist kaum zehn Zeitungszeilen lang. Kein Wort von den annähernd 10 000 Häftlingen, den Toten, ihren Mördern, dem Irrsinn. Die Überschrift "Gestürzte Giganten" zeugt von ausgeprägtem Verdrängungswahn. "Wie Schatten einer unbewältigten Vergangenheit gähnen die Abgründe im Walde", schreiben die Autoren des "Heimatbuches". Erst in den Achtzigern machten sich zwei Geschichtslehrer ehrenamtlich an die Arbeit, diese Vergangenheit zu bewältigen.

Im Sommer 1944 errichteten die Nazis bei Mühldorf eines der größten Außenlager des KZ Dachau. Sie planten dort im Wald, der mit der Bezeichnung Hart in den Karten steht, eine riesige Fabrik für den Bau eines Kampfflugzeuges, mit dem Hitler dem Krieg eine Wende geben wollte. Ein kleiner Teil dieses gigantischen Bunkers mit drei Meter starken Betonwänden steht noch. Den Rest hat sich im Laufe der Jahrzehnte die Natur zurückerobert. Über dem Lager, wo die Arbeitshäftlinge in Erdhütten gepfercht waren, und über den Massengräbern ist der Wald nachgewachsen. In den kommenden Jahren sollen dort Gedenkorte entstehen. Museal aufgearbeitet wird die Vergangenheit dieses Ortes nun im historischen Haberkasten der Kreisstadt, das Kreismuseum hat an vier Nachmittagen pro Woche geöffnet.

Die Geschichte des Rüstungsbunkers musste erst wieder ausgegraben werden: Archäologen rückten an und suchten nach Hinweisen auf die Lebensbedingungen in den Lagern. Unter anderem fanden sie Schuhsohlen, Größe 35 oder 36 vielleicht. Von Frauen oder Jugendlichen. Wer die Fotos vollkommen ausgemergelter Häftlinge sieht, kann sich kaum vorstellen, wo diese Menschen noch die Kraft hernahmen für die schwere Arbeit. Waren sie arbeitsunfähig oder krank, wurden sie selektiert - für die Deportation nach Auschwitz.

Gleich nach der Befreiung des Lagers ließen die Amerikaner die Toten aus den Massengräbern exhumieren und in Mühldorf aufbahren. Und sie verpflichteten die Bevölkerung, sich die Leichen anzuschauen, ehe sie wieder beerdigt wurden. Die Mühldorfer vergaßen schnell. Oder war es Scham oder ein Schauder über die Brutalität des eigenen Wegschauens, der sie in den Jahren danach davon abhielt, Gedenkveranstaltungen zu besuchen?

Die Jüdin Rita Baur und ihr evangelischer Mann kehrten nach Mühldorf zurück. Sie hatten die Konzentrationslager überlebt. Doch willkommen waren sie nicht in der Stadt. Die unfassbare Geschichte der Rita Baur hat Kurator Marc Spohr exponiert dargestellt. Die Nazis inhaftierten das Ehepaar Baur im Herbst 1944: sie, weil sie Jüdin war, ihn, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Bürgermeister Gollwitzer, ein Mann der ersten Stunde in der Mühldorfer NSDAP, schrieb einen Bericht, Rita Baur sei "zum Sondereinsatz abkommandiert". Sie landete in Theresienstadt. Als sie und ihr Mann nach dem Krieg nach Mühldorf zurückkehrten, betrauten die Amerikaner Wolfgang Baur mit allerlei Organisationsaufgaben: die Toten vom Hart exhumieren, die Displaced Persons einquartieren. Nach dem Abzug der Amerikaner kamen Korruptionsvorwürfe gegen den städtischen Beamten Baur auf. Er wurde angeklagt - und freigesprochen. Als er ein paar Jahre darauf starb, bat die Jüdin Rita Baur die Stadt um Witwenrente. Der Stadtrat lehnte ab. Bürgermeister war damals wieder: Hans Gollwitzer, der alte Nationalsozialist.

3934 Tote

Wie viele Menschen genau im Außenlager Mühldorf zu Tode gebracht wurden, ist unklar. Es existieren mehrere Totenbücher mit unterschiedlichen Zahlen. Die Amerikaner fanden in drei Massengräbern insgesamt 2249 Tote. Es ist aber davon auszugehen, dass viel mehr Menschen starben, denn anfangs wurden die Leichen noch ins Krematorium nach Dachau geschafft. Außerdem wurden in zwei Transporten Häftlinge nach Auschwitz gekarrt und dort ermordet. Eine amerikanische Untersuchungskommission addierte die Zahl der Toten nach dem Krieg auf 3934. Überlebt haben das Lager 3556 Häftlinge, das Schicksal von 800 ist ungeklärt.

Rita Baurs Judenstern ist im Haberkasten zu sehen. Es ist ein beklemmendes Original-Exponat. Wie es dorthin gelangte, war Zufall: Im Mühldorfer Stadtarchiv hospitierte vor wenigen Monaten ein Schüler und wurde eher zufällig in ein Gespräch über Rita Baur verwickelt. Wie sich herausstellte, handelte es sich beim Praktikanten um den Enkel dieser Frau.

Der Stadtarchivar Edwin Hamberger kommt immer wieder mit ahnungslosen Angehörigen von NS-Opfern in Kontakt. Als sich eine Familienkundlerin aus dem Nordwesten Deutschlands nach der Sterbeurkunde ihres Großvaters Carl Paul Rotthaus erkundigte, der wohl in Mühldorf gestorben sei, fand Hamberger den Toten auf einer Liste der Altmühldorfer Behinderteneinrichtung Stiftung Ecksberg.

Der Großteil der Insassen der damaligen Verwahranstalt für geistig und körperlich behinderte Menschen war in den Jahren 1940/41 im Euthanasieprogramm T4 deportiert und mit Giftgas ermordet worden. Um im Krieg alle Pflegekapazitäten für verwundete Soldaten auszuschöpfen, verlegten die Nazis viele noch nicht von T4 erfasste Personen aus allen Teilen des Landes in die Stiftung Ecksberg. Auch Carl Paul Rotthaus. Dieser Mann litt seit einem Kopfschuss im Ersten Weltkrieg an Epilepsie. In Altmühldorf wurden die Insassen nun nicht in Gaskammern geschickt. Solche gab es hier nicht. Ermordet wurden sie durch systematische Unterversorgung. Innerhalb von 18 Monaten starben 200 Insassen, unter ihnen Carl Paul Rotthaus. Seine Enkelin hat ein Foto von ihm nach Mühldorf geschickt, in diesen oberbayerischen Todesort. Ein Bild zu einem von Tausenden Namen.

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