Mitten in Bayern:Wer wirft noch wie Wolfermann?

Es ist tragisch, aber wissenschaftlich belegt: Kinder von heute können nicht mehr besonders weit werfen. Das hat unterschiedliche Gründe. Und nur einen - nicht sehr ausschlaggebenden - Vorteil

Glosse von Hans Kratzer

Vor einigen Jahren hat eine Untersuchung des Karlsruher Instituts für Sportwissenschaft Erschreckendes ans Licht gebracht. 35 Prozent der Heranwachsenden (bis 17 Jahre) konnten demnach auf einem Balken keine drei Schritte rückwärts gehen, ohne plump herunterzufallen. Für die wachsende Tollpatschigkeit der jungen Generation gibt es freilich gute Gründe. Die durch Corona erzwungene Inaktivität ist das eine. Ein noch größeres Desaster ist jedoch, dass die Kinder kaum noch freie Bewegungsräume finden. Auf der Straße kicken, auf Bäume kraxeln, mit Steinen und Fichtenzapfen durch die Gegend werfen, solche motorischen Lustbarkeiten sind in zubetonierten Städten entweder nicht mehr möglich oder verboten. So verkümmern selbst die Wieselhaarigen, wie man Bewegungsbegabte gerne nennt, zwangsweise zu Computer-Nerds und Stubenhockern.

Es klang wie aus einer anderen Welt, als Klaus Wolfermann, Speerwurf-Olympiasieger von 1972, gerade im Bayern-1-Radio erzählte, wie er einst als Bub die Tage laufend, springend und werfend durchmessen hat. Schon als 14-Jähriger habe er den Schlagball über 100 Meter weit geworfen, sagte er. Bei einem Wettkampf im fränkischen Altdorf hatte er deshalb die Kampfrichter gewarnt, er werde möglicherweise die am anderen Ende des Sportplatzes geparkten Autos treffen. Diese quittierten diese Ansage nur mit einem abschätzigen Lächeln. "Dann hat es da hinten doing gemacht", erzählte Wolfermann weiter. Tatsächlich hatte er das Dach eines Autos getroffen, dessen Besitzer erbost herbeieilte, und schon hat's geklatscht. "Er hat mir eine am Backen ghaut", erinnerte sich Wolfermann, aber immerhin markierte diese Watschn den Beginn einer Weltkarriere.

Heute könnte dieses Malheur nicht mehr so leicht passieren. Der Schlagballwurf zählt zwar noch zum Programm der Bundesjugendspiele, aber dort ist mittlerweile sogar der Minuswurf zu beobachten. Vor allem bei Mädchen, von denen mittlerweile viele erwachsen werden, ohne jemals einen Stein geworfen zu haben. In ihrer Ungeübtheit lassen sie den Ball beim Ausholen zum Wurf zu früh aus, weshalb er dann nach hinten statt nach vorne fliegt, Ergebnis: minus drei Meter. In Wurfrichtung besteht fortan keine Gefahr mehr, ein schwacher Trost.

© SZ vom 30.07.2021
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