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Mitten in Bayern:Rückzug an den Herd

Der Trend geht zum Selbermachen und Horten in der Tiefkühltruhe

Zahlen sind dieser Tage sehr gefragt, wie viele Erkrankte, wie viele Intensivbetten, wie viele Atemschutzmasken? Leider existiert keine Statistik über die geputzten Fenster in Bayern, die gelesenen Bücher und all die selbst gemalten Bilder. Deren Zahl dürfte über das Wochenende exponentiell gestiegen sein. Auch die Gläser mit frisch gemachtem Bärlauchpesto waren selten so zahlreich. Schließlich sind Spaziergänge erlaubt, und wer dann noch Beute mitbringt vom Streifzug, der erfüllt neben dem Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft und gleich noch das nach dem Jagderfolg.

Der unfreiwillige Rückzug in der Krise löst offenbar nicht nur den Drang aus, das eigene Heim für einen längeren Aufenthalt gründlich zu säubern. Es folgt die Rückbesinnung auf hausfrauliche Tugenden, dazu gehört nicht nur die Vorratshaltung, sondern auch das Selbermachen. Anders lässt sich der totale Mangel an Trockenhefe kaum erklären, offenbar wird nun wieder Brot gebacken.

Interessant wäre dieser Tage eine kleine Erhebung in bayerischen Gefrierschränken in Zeiten der Krise. Es braucht vermutlich keinen Soziologen, um in städtischen Single-Haushalten - je nach Einstellung - mehr Tiefkühlpizzen und Bio-Soja-Bratlinge zu ahnen als in traditioneller geprägten Großfamilien. In Franken jedenfalls, das lässt zumindest die nicht-repräsentative, aber jahrelange eigene Beobachtung vermuten, wird eher der Basmati-Reis ausgehen als das Fleisch. Das legt auch eine kleine Begebenheit vom Bamberger Bauernmarkt nahe, der unter ebenso großem Andrang wie Abstand am Samstag trotz Krise stattfand. Beim Metzger bemerkte eine Kundin freudig, dass es heute ja auch Hähnchen gebe. "Aber jetzt hab ich gar keinen Platz mehr." Das sei ja kein Problem, sagte die Verkäuferin, sie habe schon noch eine Tüte da. Aber nein, erwiderte die Kundin, es gehe um den Platz in der Gefriertruhe. Die sei voll, klar, ist ja Krise.

Die bringt auch schöne Zahlen hervor, wie jene aus Würzburg. Da kamen am Wochenende mehr Blutspender als sonst, obwohl sie auch viel länger anstehen mussten als sonst. Mehr als zwei Stunden zum Teil, immer mit anderthalb Metern Abstand in der Schlange. Die reichte weit von der Tür weg, gemessen hat sie aber niemand. Es gäbe noch viele Zahlen.

© SZ vom 24.03.2020
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