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Mitten in Bayern:Ein Küchel aus Amerika

Die Globalisierung dringt in die fernsten Ecken der Welt vor. Das belegt ein Zwiegespräch in einer Bäckerei in der Gemeinde Stallwang

Kolumne von Hans Kratzer

Recht heimelig schmiegt sich die Gemeinde Stallwang in die Waldbuckellandschaft hinter Straubing hinein. Die Idylle verhindert freilich nicht, dass in der Öffentlichkeit bemerkenswerte Dialoge zu vernehmen sind, in denen sich das große Ganze des Weltenlaufs passgenau im Detail verdichtet. So entspann sich neulich in einer Bäckerei folgendes Zwiegespräch, das ein Ohrenzeuge wie folgt protokolliert hat:

Kunde: "Und nachad kreijgade no an seechan amerikanischn Keijche!" - Übersetzt: Und dann bekäme ich bitte noch solch einen amerikanischen Küchel.

Verkäuferin: "Wos isn des?"

Kunde: "D'Scheefen woass scho!" - Die Chefin weiß es schon.

Chefin (Zuruf aus dem Büro): "Der mächd an Donut, oba kon se des amerikanische Wort ned merka!"

Schallendes Gelächter erfüllte alsbald den Laden und hellte die Corona-Tristesse für kurze Zeit umfänglich auf. Bei aller Gaudi wirkt diese Szene aber dennoch betrüblich, da sie aufzeigt, dass auch die auf das Bewährte geeichte Gegend hinter den Waldbuckeln nun jederzeit den Verlockungen aus Amerika erliegt. Diese Gier ist bereits so weit fortgeschritten, dass ein gestandener Bayerwäldler wenige Tage vor Kirchweih zu seinem Wohlergehen einen Donut braucht, obwohl er doch herzhafte Kirchweihschmankerl verzehren könnte. Die Bäckereien liefern Schmalzgebäck, Küchel, Striezel und Bauernkrapfen in allen Variationen, ja sogar Powidl-Tatschkerl aus Böhmen sind zum Greifen nahe, mit Zwetschgen gefüllte Teigtaschen, die ein Sprachkünstler bereits in Covidl-Tascherl umbenannt hat.

Überdies könnte sich der Teigwarenfan das Wort Powidl im Gegensatz zum Donut bestens merken. Jenseits der Grenze wird der Begriff auch im Sinne von "ist mir wurscht" verwendet. Der Musiker Lukas Resetarits schimpfte 1992 in der Rolle eines Wiener Zuhälters, dass nach dem EU-Beitritt zum Beispiel die Marmelade nicht mehr Marmalad heißen dürfe, "sondern Kompfetüre, aber ich mein, das sollerte uns powidl sein".

Manchem Bäckereikunden in Stallwang ist es erst recht powidl, wie der Donut heißt. Ihm reicht das Wissen, dass das pappige Zeug aus Amerika kommt und hier im Backshop feilgeboten wird, der in England Arschladen hieße.

© SZ vom 16.10.2020

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