Mitten in Bayern:Die Hotspots der Flagellanten

Im Mittelalter dominierte der Gedanke, dass Katastrophen und Seuchen durch unmoralisches Verhalten ausgelöst werden. Religiöse Eiferer denken das auch jetzt noch

Von Hans Kratzer

Das Coronavirus sei eine Strafe Gottes, pulvern religiöse Eiferer. Sie berufen sich dabei auf alttestamentliche Propheten, nach deren Ansicht Gottes Zorngericht die ganze Erde verzehren werde. Es ist deshalb kein geringer Trost, dass der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick soeben kundtat, von einer Strafe Gottes zu sprechen sei zynisch und mit Jesu Botschaft unvereinbar. Im Religionsunterricht wurden Schreckensbilder früher gerne thematisiert. Die zehn biblischen Plagen etwa, mit denen die Ägypter bestraft wurden, weil sie die Israeliten nicht in ihre Heimat ziehen lassen wollten. Und immer wieder die Trias des Grauens, die der Herr Pfarrer seinen Sünderlein drohend vor Augen hielt: Krieg, Hunger und Pest.

Vor allem im Mittelalter dominierte der Gedanke, dass Katastrophen und Seuchen durch unmoralisches Verhalten ausgelöst werden. Während der Pestjahre 1348/49 kamen Geißlerzüge in Mode, deren Teilnehmer sich selbst geißelten und zur Buße aufriefen. Auch in Bayern waren haufenweise Geißler unterwegs, wie Klosterchroniken belegen. Städte wie Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Würzburg waren so etwas wie Hotspots für Geißler und Flagellanten. Wo der Wille zur Erlangung des Seelenheils weniger stark ausgeprägt war, dort griff die Kirche erzieherisch ein. Anstoß erregten etwa die Lustbarkeiten der Trachtenvereine, vor allem die Treffen der Jugend beiderlei Geschlechts ohne Aufsicht von Geistlichen. Diese nährten den Verdacht von Unmoral, der durch den Kleidungsstil (kurze Lederhose) noch gesteigert wurde. Kirchenobere verweigerten zur Eindämmung der Sittenlosigkeit noch in den 1930er Jahren die Weihe der Trachtenvereinsfahnen. Manchmal wurde zur Disziplinierung der Sünder eine - bisweilen wackelige - Drohkulisse aufgebaut. Ein königlich bayerisches Blatt berichtete 1848 von einer Marienerscheinung nahe Aichach. Die Gottesmutter, so heißt es darin, habe einem Hirtenknaben aufgetragen: "Sage den Leuten, sie sollen Buße tun, sonst kann ich das Strafgericht Gottes nicht länger mehr abwenden!" Die Mahnung wurde aber durch den treuherzigen Hirtenknaben selber abgemildert. Als er befragt wurde, wie denn die Gottesmutter ausgesehen habe, gab er zu Protokoll: "Akkurat wie die Pfarrersköchin!"

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