Mering Jungunternehmer mit 78 Jahren

An Society-Klatsch und Adels-Schicksalen hat Hermann Hartmann weniger Interesse, dafür aber an einer belebten Ortsmitte mit Kiosk.

(Foto: Johann Osel)

Hermann Hartmann eröffnet in Mering einen Kiosk. Doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Die Ortskerne veröden zusehens

Von Johann Osel, Mering

Den Neuigkeiten über Florian Silbereisen, Karel Gott oder das Dschungelcamp kann Hermann Hartmann nichts abgewinnen, auch wenn die Regenbogenpresse in seinem Regal sie bunt herausschreit; die Diät aus Hollywood auf dem Cover der Frauenzeitschrift gehört ebenfalls nicht zu seinem bevorzugten Lesestoff, und Adel exklusiv, sagt er, "interessiert mich vorn und hinten nicht". Dafür liest er Tageszeitung und gerne Technikmagazine; denn früher war Hartmann Ingenieur. Jetzt - nach anderthalb Jahrzehnten Rentnerleben - ist er Jungunternehmer geworden. Mit 78 Jahren. Mitten in der schwäbischen Gemeinde Mering hat er kürzlich einen Zeitschriftenkiosk eröffnet. Als der Inhaber eines traditionellen Schreibwarenladens ein paar Häuser weiter aufgab, sei ihm die Idee gekommen: "Dann übernehme ich das!" Dass es rund um den Marktplatz kein Zeitschriftenangebot geben soll, sei "unzumutbar", vor allem für Ältere, die nicht mal eben zum Supermarkt am Ortsrand gehen.

Hartmann muss nur Treppen hinabsteigen, wenn er den kleinen Laden öffnet: Er wohnt in dem Haus unweit der Kirche, es gehört ihm. Als er ein Bub war, befand sich hier unten die Schneiderwerkstatt seines Großvaters; über Jahrzehnte war dann ein Uhrmacher ansässig, zuletzt ein Geschäft mit Taschen und Accessoires. Es konnte sich nicht halten. Dann: Leerstand. Die Tür geht auf, ein junger Mann mit Blättermappe. Den Kopierer des Schreibwarenladens in der Straße hat Hartmann übernommen, es ist ein kleines Zusatzgeschäft. "Machen wir", sagt er, schaut auf das Gerät: "Wenn er will." Er, der Kopierer, will erst mal nicht, ein alter Kniff hilft: Aus- und Einschalten. "Bumm, bumm, aaah, da haben wir's", 1,60 Euro. Der Kunde nickt zufrieden: "Praktisch, das im Ort zu haben."

Ortskern - in der Welt von Einzelhandel und Gewerbe ist das heute ein Begriff zum Fürchten, Synonym für Ladensterben. Bayernweit treibt das Problem Geschäftsleute und Bürgermeister um. Gründe sind häufig: kaum Parkplätze, historische Gassen, in denen Verkaufsraum und Lager zu klein sind für Filialisten, wenig Laufkundschaft, Langeweile in der Fußgängerzone, Konkurrenz durch Internet und die Märkte auf der grünen Wiese. Von "Verödung" der Ortskerne ist oft die Rede, freilich in unterschiedlicher Dimension: In Kleingemeinden machen auch noch Bäcker, Metzger oder Kramer zu. Wie die Staatsregierung auf eine Landtagsanfrage von Klaus Adelt (SPD) 2018 antwortete, müssen 604 Kommunen auf eine wohnortnahe Versorgung mit Lebensmitteln verzichten. Und größere Städte, sogar Oberzentren, bangen mit jedem Leerstand mehr um ihre Attraktivität.

Mering, 14 000 Einwohner, liegt wohl irgendwo zwischen diesen Polen. Es ist eine boomende Gemeinde mit Zuzug, im Augsburger Umland und noch in Reichweite zu München. Am und um den Marktplatz gibt es unter anderem: Reinigung, Friseur, Sanitätshaus, Bäcker, Metzger, Pralinenladen; aber auch verklebte Fassaden. Schuhe, Mode, Kurzwaren, Tabak und eben Schreibwaren, das sind einige der Ladenleichen der vergangenen Jahre - wenngleich Letzteres nun Hartmann in Teilen ersetzt, mit vollem Einsatz. In aller Frühe nimmt er die Lieferung des Presse-Grossisten an, abends wird der Rest abgeholt. Zeitungen sind an diesem Nachmittag fast ausverkauft. Für Stammkunden richtet er morgens her, was sie immer kaufen. Trotzdem sind es tröpfelnde Umsätze. Pachtkosten hat er ja keine, allerdings muss er eine Teilzeitkraft bezahlen. Stifte, Kinderspardosen und Glückwunschkarten hat er ins Sortiment genommen. "Mein Blick geht schon Richtung Gewinn." Man wird sehen, er ist guter Dinge.

In der Gemeinde geht eher die Sorge um; die Sorge, dass es im Zentrum irgendwann nicht mehr nur beschaulich ist, sondern tote Hose herrscht. Das will Karl Grabler verhindern. Vergangenes Jahr ist der frühere Chef der Raiffeisenbank und langjährige Gemeinderat als Marktbeauftragter angetreten. Er forciert das, was in Städten mitunter hauptamtliche City-Manager tun: Ideen für die Belebung des Zentrums finden und umsetzen. Als erstes hat er eine Umfrage angestoßen unter den Geschäftsleuten.

Jetzt steht er in Hartmanns Laden. Der Neugründer sei eine "Bereicherung", zumal für bestimmte Kundenkreise, sagt Grabler. Aber er ahnt, wohin die Trends gehen: "Man wird die Entwicklungen nur begrenzt stoppen können. Man kann sich ein Nostalgiewunschkonzert erhalten, aber es muss sich betriebswirtschaftlich rechnen." Es gebe nicht "das eine" Problem und daher auch "kein Patentrezept". Alle Beteiligten im Team müssten beraten und gegebenenfalls mit der Zeit gehen, Stichwort Digitalisierung. Seine Aktentasche ist dick, von Studien und Projektberichten zum Thema. Für Grabler ist auch klar: Einzelhändler könnten mit Internet und Handelsketten beim Preis in der Regel nicht mithalten. Sie müssten die persönliche Ansprache und "Emotionalität" als Markenkern betonen.

Vor allem Fernsehzeitschriften gehen später über Hartmanns Theke. Und Emotionalität. Gerührt beobachten manche Käufer, wie der Inhaber die Computerkasse bedient. Brille ab, hinschauen, behutsam Tasten drücken. "Manchmal bin ich noch ungeschickt." Ein Kunde feixt: "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör." Einige, sagt Hartmann, hätten gesagt: "Was du dir da antust!" Aber er tue es gern und spüre Dankbarkeit. Und was macht er bei Kundenflaute? Zeitunglesen. Das hätte er sonst auch in der Wohnung gemacht.