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Marktratsbeschluss:Weniger Strauss, mehr Rossini

Garmisch-Partenkirchen schafft sein Festival ab und begründet einen "Musiksommer"

Von Sabine Reithmaier, Garmisch-Partenkirchen

Ulrike Bittner-Wolff brachte die Debatte schließlich auf den Punkt. "Wir beerdigen heute das Richard-Strauss-Festival", sagte die SPD-Rätin in der jüngsten Sitzung des Marktgemeinderats. "Anscheinend will es hier wirklich keiner mehr." Sie erntete keinerlei Widerspruch. Nur Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) monierte den Begriff Beerdigung, sprach lieber von einer Ergänzung oder Reform des bisherigen Konzepts. 2021 wird es jedenfalls in Garmisch-Partenkirchen kein Festival geben, sondern einen "Musiksommer" mit einzelnen Schwerpunkten, darunter auch Strauss-Tage und ein Rossini-Wochenende. Dafür stellt die Marktgemeinde 110 000 Euro zur Verfügung, die Summe, die sie sich heuer durch die Corona-bedingte Absage des Festivals gespart hat.

August Everding hatte 1989 die erste Strauss-Festwoche geplant. Daraus wurden erst jährlich stattfindende Strauss-Tage, dann ein zehntägiges Festival. Nachdem vor drei Wochen dessen künstlerischer Leiter, Alexander Liebreich, zurückgetreten war und der Gemeinderat nochmals in die Kasse greifen musste, um Defizite aus den beiden Liebreich-Jahren 2018 und 2019 zu finanzieren, war die Neuausrichtung unumgänglich. Änderungswünsche gab es zuhauf, wie Dominik Šedivý, Leiter des Richard-Strauss-Instituts, berichtete. Neben der Forderung nach einer effizienten Kostenkontrolle und einer Verkleinerung des Festivals fand sich auf seiner Liste auch das Verlangen, alle Konzerte sollten künftig im Kurort stattfinden. Eine klare Absage an Liebreichs Motto "Top Music at Top Locations" und die Konzerte in Ettal oder Schloss Elmau.

Gemeinsam mit Michael Gerber, Geschäftsführer der GaPa Tourismus GmbH, hat Šedivý ein "integratives Kulturkonzept" erarbeitet: Künftig sollen alle musikalischen Angebote, ob Strauss-Tage, Rossini-Wochenende, Blasmusikonzerte, Orgelmusikabende oder die Veranstaltungen im Michael-Ende-Park zu einem musikalischen Gesamtprogramm gebündelt werden, unabhängig davon, wer als Veranstalter auftritt. "Es geht darum, dass wir uns zu unserer kulturellen Identität in ihrer gesamten Breite bekennen und gegenseitige Vorbehalte abbauen", erläuterte Šedivý. Man wolle Kultur im Ort, aber auch die Kultur vor Ort pflegen und für den Ort agieren. "Wenn dann von außen Leute kommen, sind sie gern willkommen, aber wir machen die Kultur für uns und vor Ort."

Die Strauss-Tage oder das Rossini-Event sind künftig Veranstaltungen der gemeinnützigen GaPa Kultur gGmbH, einer eben gegründeten Einrichtung des Marktes, die künftig für die Strauss-Pflege einschließlich des Forschungsbetriebs im Strauss-Institut zuständig ist. "Wir werden uns nicht daran messen lassen, ob die Reichen und Schönen zu uns kommen, sondern welche qualitätvolle Musik und welche Inszenierungen wir hier haben", sagte Geschäftsführer Gerber. Er kündigte an, mittelfristig nicht nur Musik veranstalten, sondern auch andere künstlerische Formate bringen zu wollen. "Natur als Bühne ist unser Credo." Natürlich würden im nächsten Jahr alle Konzerte coronagerecht in kleinerem Rahmen stattfinden.

Mit Pesaro, der Geburtsstadt von Gioachino Rossini (1792 - 1868), hat Bürgermeisterin Elisabeth Koch bereits vor zwei Jahren angebandelt. Ihr liegt an einer kulturelle Partnerschaft mit dem italienischen Ort. Einen Zusammenhang zwischen den Komponisten herzustellen, fällt ihr nicht schwer. So wie Strauss neben Wagner der Inbegriff deutscher Opernmusik sei, verkörpere Rossini dies für Italien, behauptete sie. Eine kulturelle Zusammenarbeit passe zu einem international aufgestellten Ort wie Garmisch-Partenkirchen und zur internationalen Kulturpolitik der Bundesregierung. "Damit stärken wir unsere gemeinsame Identität", sagte Koch. Letzteres sei in Zeiten wachsender Populismen und Nationismen unverzichtbar. Abgesehen davon sei das Rossini-Opera-Festival Pesaro ein in mehrfacher Hinsicht gutes Vorbild für den Kurort, um die "Marke Strauss" weiter aufzubauen.

Trotzdem wollte nicht allen Räten die Verbindung der beiden Komponisten so recht einleuchten. Er habe sich sagen lassen, Strauss habe von der Musik Rossinis wenig gehalten, da er dessen Musik für zu profan ansah, sagte Stephan Thiel, Fraktionssprecher der Grünen. Daher sei die Verbindung äußerst gewagt. Dass Strauss tatsächlich zur Musik des Italieners kein nahes Verhältnis hatte, bestätigte Šedivý. Aber für ihn überwiegen die Vorteile des neuen Schwerpunkts. "Rossini hat eine eingängige Musik geschrieben, mit ihrer Hilfe können wir klassische Musik leichter an die Bevölkerung vermitteln." Der italienische Komponist fungiere gewissermaßen als Steigbügelhalter für den schwierigeren Strauss. "Das ist eine tolle Chance, um für Opernmusik zu begeistern", sagte der Institutsleiter. Strauss solle nicht durch Rossini ersetzt werden, aber dem kulturellen Profil des Orts füge man einen neuen Schwerpunkt hinzu.

Thiel überzeugte das nicht. "Wir haben eine Verpflichtung Strauss gegenüber", mahnte er, schließlich habe der Komponist hier lang gelebt. Doch wie man mit kulturellem Erbe richtig umgehe - Thiel erinnerte auch an den Schriftsteller Michael Ende -, sei unklar, dem Ort fehle ein kulturelles Leitbild. "Es gibt kein Konzept, nur diffuse Vorstellungen, alle reden aus dem Bauch heraus", kritisierte er. Der Grüne plädierte dafür, dem Vorbild Oberammergaus zu folgen - der Ort hat seine Passionsspiele auf 2022 verschoben -, nächstes Jahr auszusetzen und zu überlegen, was man wolle. Sein Antrag, die Bürgermeisterin solle mit Šedivý nach einem künftigen künstlerischen Leiter suchen und mit den Fördervereinen ein Konzept erarbeiten - "es muss ja kein Festival sein" - wurde abgelehnt.

© SZ vom 22.08.2020

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