Landwirtschaft in Bayern:Der Besser-Esser

Karl Ludwig Schweisfurth

Karl Ludwig Schweisfurth fing mit den "Herrmannsdorfer Landwerkstätten" noch einmal ganz neu an. Jetzt hat er ein Buch über seinen Werdegang geschrieben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Er besaß die größte Wurstfabrik Europas. Dann dachte Karl Ludwig Schweisfurth über die industrielle Lebensmittelproduktion nach, verkaufte seine Firma und fing mit den "Hermannsdorfer Landwerkstätten" an. Erst wurde er dafür belächelt - heute boomt das Geschäft.

Von Franz Kotteder

"Wie heißt der Kleine von VW?", fragt Karl Ludwig Schweisfurth, wenn man wissen will, wie er denn von München zu seinem Hof hinaus kommt. "Nein, kein Golf. Richtig! Ein Polo!" Jawohl, so stellt man sich einen Ökobauern auch vor: wenn schon Auto, dann ein kleines, und dann nicht mal die Marke wissen! Ein erfolgreicher Unternehmer, der schon mal 5500 Arbeiter in zehn Fabriken beschäftigt hat, kann das nicht sein. Aber Schweisfurth ist dieser Unternehmer ja auch nicht mehr. Vor bald 30 Jahren hat er die Firma verkauft an den Lebensmittel-Multi Nestlé, hat mit dem Geld eine Stiftung gegründet und sich einen Hof gekauft.

Nun gut: ein großes landwirtschaftliches Gut bei Glonn. "Herrmannsdorfer Landwerkstätten" heißt es, macht einen Jahresumsatz von 15 Millionen Euro und beschäftigt 120 Mitarbeiter. Kein Vergleich zu den Herta-Wurstfabriken mit 1,5 Milliarden Mark Umsatz, über die Schweisfurth in seinem früheren Leben einmal herrschte. Aber Geld ist nicht das Entscheidende, das ist heute sonnenklar für ihn.

Karl Ludwig Schweisfurth wird in diesem Sommer 84 Jahre alt, und man gewinnt gleich den Eindruck, hier einen Menschen vor sich zu haben, der in sich ruht. Was doch erstaunlich ist für jemanden, der immer noch so viele Aktivitäten entwickelt. Gerade eben hat er ein neues Buch veröffentlicht, das seine Ideen unter die Leute bringen soll. "Der Metzger, der kein Fleisch mehr isst . . ." (Oekom-Verlag, 232 Seiten, 19,95 Euro) heißt es. Der Titel geht auf der Rückseite des Schutzumschlags noch weiter, dort steht: " . . . wenn er nicht genau weiß, wo es herkommt, und wie das Tier gelebt hat." Das ist für einen Vorder- und Rücktitel recht ausführlich, beschreibt aber gut, worum es Schweisfurth seit 30 Jahren geht.

Seine Mission, die ihm den Dauer-Beinamen "Öko-Pionier" eingebracht hat, ist "der achtsame Umgang mit den Tieren, die wir essen". Er weiß, dass der Begriff "achtsam" mittlerweile inflationär gebraucht wird, aber er beschreibt halt einfach am besten, sagt er, was gemeint ist. Da nimmt er es auch in Kauf, dass manche ihn vielleicht für etwas esoterisch halten. Er ist es gewöhnt, dass die Leute mit Unverständnis auf seine Ideen reagieren. Seine Augen funkeln belustigt, wenn er erzählt, wie verstört der eine oder andere Unternehmerkollege reagierte, als er vom Grund für den Verkauf der Herta-Fabriken erfuhr: "Die sagten: ,Der Schweisfurth hat doch einen Vogel, was hat denn Ethik in der Wirtschaft zu suchen?'"

Bio-Lebensmittel waren für die Latzhosen-Fraktion

Biologisch erzeugte Lebensmittel: Damit verband man in den Achtzigerjahren die Lila-Latzhosen-Fraktion. Gesund halt, aber was für die Nische. Außerdem viel zu teuer, um jemals irgendeine Bedeutung zu erlangen. Und für so einen Kram hat dieser Schweisfurth, der langjährige Präsident der europäischen Fleischwarenindustrie, seine hochmodernen Herta-Werke, die er ja selbst nach dem Muster amerikanischer Mega-Schlachthöfe aufgebaut hatte, einfach weggegeben?

Karl Ludwig Schweisfurth sagt, er sei durchaus heute noch stolz auf seinen unternehmerischen Erfolg mit Herta. Aber er hat eben auch eine Entwicklung durchgemacht. Er bereue es keine Minute, die Firma verkauft zu haben, das nicht. "Hier ist es ja auch nicht ganz schlecht", grinst er und zeigt aus dem Fenster. Draußen sieht man das Schloss Nymphenburg im Sonnenschein vor sich hinstrahlen. Die Schweisfurth-Stiftung hat ihren Sitz in einem ehemaligen Kavaliershaus am Schlossrondell. Schweisfurth hat es nach ökologischen Kriterien umbauen lassen, hier finden Veranstaltungen statt, an den Wänden hängt zum Teil recht wertvolle zeitgenössische Kunst, von Wolf Vostell etwa. Schweisfurth ist auch ein Liebhaber der Moderne.

Was auf den ersten Blick wirkt wie ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit, ist in Wirklichkeit durchaus schlüssig und konsequent. Schweisfurth sagt, er glaube, dass sein Vater, der den Verkauf von Herta 1986 nicht mehr erlebt hatte, mit seiner Entscheidung einverstanden wäre: "Der Mensch stand für ihn noch im Mittelpunkt."

Für Schweine sind die Ställe im Mastbetrieb "eine Hölle"

Eigentlich sind die Schweisfurths ja eine alte Handwerkerdynastie. Die Vorfahren waren Metzger in Herten. Dass das in Westfalen liegt, hört man Karl Ludwig Schweisfurth sehr wohl an. Der Vater schon hatte die Metzgerei zur Wurstfabrik ausgebaut, seinen Sohn früh in die Lehre geschickt und ihn dann mit 25 Jahren in die USA entsandt, zu den Fleischfabriken und Großschlachthöfen in Chicago, damit er sich dort etwas abschaute, was man zu Hause brauchen konnte. Der junge Karl Ludwig war begeistert. Vieles von dem, was er sah, setzte er um in den Herta-Werken, und das so erfolgreich, dass die bald zum größten europäischen Wursthersteller heranwuchsen. Da war der Metzger Schweisfurth längst zum Manager geworden, der seine Lebenszeit in Konferenzen und Flugzeugen verbrachte und zwischen den verschiedenen Unternehmensteilen hin- und herjettete. Aber Zeit zum Nachdenken hatte er trotzdem, und er dachte viel darüber nach, was er da so machte.

Es ging um Lebensmittel. Das deutsche Wort gefällt ihm: Mittel zum Leben. Da steckte doch eine gewisse Hochachtung drin, vor dem Leben, das Tiere lassen müssen, damit Menschen Leben haben. So begann er zu denken. Und dass das, was er machte, eigentlich sehr fern war von Hochachtung der Natur gegenüber. Dann setzten ihm seine heranwachsenden Kinder zu. Der eine Sohn sagte ihm, er wolle Bauer werden, auch die beiden anderen waren weit davon entfernt, einmal die Firma zu übernehmen, und verwickelten ihn immer wieder in Diskussionen über die junge Öko-Bewegung.

Schließlich besuchte er dann selbst einmal einen Schweinemastbetrieb mit 3000 Tieren. Verglichen mit heutigen Anlagen, wo bis zu 60 000 Masttiere gleichzeitig stehen, war das noch wenig, aber es genügte ihm. "Die Wucht der Bilder und Gerüche schlug mir in den Solarplexus", schreibt er in seinem Buch, "mein Gott, war mir flau!" Die Ställe seien in Wirklichkeit "eine Hölle für Schweine", und er kommt zu dem Schluss: "Wir haben das Schwein gründlich zur Sau gemacht."

Die Tiere leben naturnah zusammen

Es war überhaupt eine Zeit der Umbrüche in seinem Leben. Nach der Trennung von seiner ersten Frau lernte er seine jetzige, Dorothee, kennen. Sie lebte in München, und nicht zuletzt deshalb haben die Stiftung und der ökologische Musterbetrieb ihren Sitz in Bayern. Die gemeinnützige Stiftung, 1986 ausgestattet mit dem Grundkapital von 50 Millionen D-Mark, befasst sich mit wissenschaftlichen und politischen Fragen zum Thema "Leben und Arbeiten im Einklang mit der Natur". Der Musterbetrieb Herrmannsdorf, ergänzt um das Tagungszentrum Sonnenhausen, ist gewissermaßen zuständig für die praktische Umsetzung der "neuen Art, Lebensmittel zu erzeugen", wie Schweisfurth sagt.

Er hat viel Geld hineinstecken müssen, sagt er, aber heute erwirtschaftet das Unternehmen längst Gewinn. Nach wie vor ist Herrmannsdorf ein Musterbetrieb, was ökologische Landwirtschaft angeht. Die Tiere leben hier so naturnah zusammen wie nur möglich. Geschlachtet wird auch in Herrmannsdorf - aber für die Tiere so stressfrei wie möglich. Und eben nicht 300 Tiere pro Stunde, wie bei Herta, sondern vielleicht 300 pro Monat, aus den eigenen Ställen und denen der angeschlossenen Bio-Bauern aus der Region.

Die spöttischen Stimmen von damals sind längst verstummt. Schweisfurth hat seinen westfälischen Sturschädel durchgesetzt und gezeigt, dass Herrmannsdorf funktioniert. "Ich bin heute sehr glücklich", sagt er. Die Geschäfte im Gut führt sein Sohn Karl, aber der Vater macht sich gerne mal einen Spaß daraus, bei Führungen für Kinder und Erwachsene dort aufzutauchen und sich vorzustellen als "der Alte von Herrmannsdorf". Er plaudert mit den Besuchern, spricht über Lebens-Mittel und warum er sie mit Bindestrich schreibt, und dann verabschiedet er sich und fährt davon, in dem Kleinen von VW. "Natürlich fahre ich den auch, um etwas zu demonstrieren", gibt er zu und lächelt: "Um zu zeigen, was ich für wirklich wichtig halte. So Luxusdinge waren mir nie wichtig."

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