Landshut Seiner Zeit voraus

Fritz Koenig verblüffte mit der visionären Andeutung von 9/11 in New York. Das berühmteste Werk des jüngst verstorbenen Bildhauers ist die Kugelkaryatide

Von Hans Kratzer, Landshut

Oft wirkt die Kunst wie ein Kosmos voller Rätsel. Von Mysterien und Vorahnungen stark durchdrungen ist auch das Werk des vor 14 Tagen verstorbenen Landshuter Künstlers Fritz Koenig, der zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern des 20. Jahrhunderts zählt. Schon seit jener berühmten, aus einem Traum erwachsenen Zeichnung Albrecht Dürers, die als Vision des atomaren Infernos interpretiert wird, nahmen Kunstwerke häufig Katastrophen und globale Erschütterungen vorweg. Teile von Koenigs Werk verblüffen durch ihre visionäre Andeutung der New Yorker Terroranschläge vom September 2001, die unter dem Namen 9/11 (Nine-Eleven) in die Geschichte eingegangen sind. Seine 1994 geschaffenen Papierschnitte, die den Titel "Beben" tragen, wirken auf den Betrachter, als zeigten sie die Zwillingstürme kurz vor dem Einsturz. Ähnlich frappierend mutet eine Kohlezeichnung aus dem Jahr 1998 an. Koenig wollte damals eine Blumenvase zeichnen. Weil er den Entwurf aber mit kleinen Quadraten verzierte, sieht die Zeichnung aus, als zeige sie einen der Türme, wie er von einem Flugzeug durchschlagen wird. "Wenn ich das sehe, krieg' ich manchmal eine Gänsehaut", gestand Fritz Koenig mehrmals.

Koenig hegte eine besondere Beziehung zum World Trade Center in New York. Auf der Plaza davor stand seit 1972 sein berühmtestes Kunstwerk, die "Große Kugelkaryatide", die aus heutiger Sicht ein Stück Weltgeschichte symbolisiert. Die Skulptur bildete fast 30 Jahre lang den formalen Gegenpol zu den Twin Towers. Wie durch ein Wunder war die Kugel nach dem Terroranschlag im September 2001 fast unversehrt aus den Trümmern des Infernos geborgen worden, was weltweit Staunen hervorrief.

Die Kugelkaryatide galt bis zum Terroranschlag als Symbol für Freiheit und Frieden. Nach dem Einsturz der Zwillingstürme wurde "The Sphere", wie das Werk in den USA genannt wird, zur "Trägerin einer doppelten Erinnerung: an die Zeit vor dem Attentat und an das Attentat selbst", wie Fritz Koenig es formulierte. Für die Amerikaner wurde die Skulptur zur Ikone der Hoffnung für ihr erschüttertes Land. Derzeit steht sie im Battery Park in Manhattan, im kommenden Jahr soll sie an ihren ursprünglichen Standort zurückkehren.

Diese bewegende Geschichte wird wohl mitschwingen, wenn an diesem Freitag in der Landshuter Stiftsbasilika St. Martin die Geistliche Trauerfeier für Fritz Koenig stattfinden wird (15.30 Uhr). Freilich hat der im 93. Lebensjahr gestorbene Bildhauer nicht nur in New York Spuren hinterlassen. Zunächst ist es erstaunlich, wie viele großartige Bildhauer Landshut hervorgebracht hat. Bildhauer, die der Stadt ein unverwechselbares Gepräge verliehen haben, heißen sie nun Hans von Burghausen, Hans Leinberger, Wenzel und Christian Jorhan, Karl Reidel oder Fritz Koenig. Auch Koenigs Freund Reidel (1927-2006) zählte zu den begabtesten Bildhauern in Deutschland. Die beiden Künstler legten ihre Qualitätsmaßstäbe aber lieber selber fest, auch wenn das radikale Folgen hatte. Arbeiten, die sie als missglückt einschätzten, versenkten sie kurzerhand in der Isar.

Der vor 14 Tagen verstorbene Landshuter Bildhauer Fritz Koenig.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Koenig war zwar ein gebürtiger Würzburger, aber schon als Kind kam er nach Landshut, wo er tiefe Wurzeln schlug. Erst recht, nachdem er in den Sechzigerjahren in Ganslberg einen stattlichen Wohnkomplex mit Atelier und Pferdestall errichtet hatte. Hier begann er 1967 mit der Arbeit an der mehr als sieben Meter hohen und 25 Tonnen schwere Kugelkaryatide, für die er eigens eine Werkhalle errichtete.

Schon in seiner künstlerischen Frühzeit bewegte sich Koenig weit über die Grenzen Landshuts hinaus. Sichtbare Zeugnisse legen die deutschen Botschaften in London und Madrid, in Dakar und Washington ab, die ihren Status nicht zuletzt mit Skulpturen von Koenig repräsentieren. Auch die Plastik des afrikanischen Kontinents hinterließ unübersehbare Spuren in Koenigs Werk, wovon man sich selber in jenem Museum überzeugen kann, das allein ihm gewidmet ist. Nachdem die Eheleute Maria und Fritz Koenig 1993 ihren gesamten Besitz einer Stiftung übergeben hatten, errichtete die Stadt Landshut im Gegenzug das tief in den Hofberg eingegrabene und in seiner Lage und Anmutung beeindruckende Skulpturenmuseum. Diese 1998 eröffnete Kunsthalle bewahrt und präsentiert Koenigs Werk und dessen Kunstsammlungen wie eine Art Schatzkammer.

Dieses Konstrukt erwies sich allerdings nicht immer als unproblematisch. Denn anders als im Stiftungsvertrag vorgesehen, zeigte Koenig im Skulpturenmuseum nur seine eigenen Werke und Sammlungen, andere Künstler ließ er erst gar nicht hinein. Der weltberühmte Künstler und die chronisch überschuldete Stadt Landshut, in der nicht jeder Stadtrat und Bürger bei der Geburt vom Kunstsinn gestreift wurde, begegneten sich bisweilen in einem von Spannungen und Aversionen geprägten Verhältnis. Etwa 2009, als Koenig den Wunsch äußerte, seine Skulptur Große Flora V., die er 1978 für den Pausenhof des Hans-Leinberger-Gymnasiums geschaffen hatte, aus Gründen der Raumwirkung um ein paar Meter zu versetzen. Die Skulptur stand nach Umbauten jämmerlich im Abseits, umgeben von Pflanzkübeln, Radlständern und Fahnenstangen. Dass man ihm einen solchen Wunsch aus Kostengründen nicht erfüllen wollte, konnte Koenig nicht fassen. Dabei hat er durchaus öfter Niederlagen einstecken müssen. 1982 hatte er das großartige Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Mauthausen geschaffen. Das war zweifellos eine hervorragende Bewerbung für das Holocaust-Denkmal in Berlin. Sein Entwurf zeigt in einem Raum der Scham auf einem Rost von aneinandergelegten Eisenbahnschienen in abstrakten Formen sich häufende Skelettberge. Es war eine der bedeutendsten Ideen Koenigs. Dass er das Projekt, weil er im Wettbewerb nur den zweiten Platz belegte, nicht realisieren konnte, hat ihn tief getroffen. Geblieben ist wenigstens das Modell im Skulpturenmuseum.