Ruach

Die Herren Hoeneß und Schmid sowie diverse Landespolitiker stehen wegen anrüchiger Finanzangelegenheiten am Pranger. So honorig kann ein Mensch also gar nicht sein, dass er gegen den Ruach gefeit ist. Dieses zeitlose Wort bringt die aktuelle Misere auf den Punkt: Der Ruach lauert überall, er lockt uns wie die verführerischen Sirenen den Odysseus. Kein Wunder, dass die Geiz-ist-geil-Kampagne gewissenloser Werbestrategen vor allem den Ruach und den Pfennigfuchser im Visier hatte.

Ein Ruach ist ein habgieriger Mensch, der zusammenrafft, was leicht hergeht. Am Buffet ist der Ruach schnell zu identifizieren, denn er schaufelt viel mehr auf seinen Teller, als sein Magen aufnehmen kann.

Die Biermösl Blosn hatte einst den Sankt Ruach als Leitfigur von Kommunalpolitikern ausgemacht, die am liebsten jeden Krautacker in ein steuerträchtiges Gewerbegebiet umwandeln würden.

Wir begegnen diesem vielsagenden Wort schon im mittelhochdeutschen ruoch, nur war es damals noch positiv besetzt (Sorge, Sorgfalt). Als "ruochelos" wurde ein sorgloser und unbekümmerter Mensch bezeichnet.

Heute ist die Bedeutung auf jene Sorgfalt eingeengt, die man dem eigenen Wohlstand zuwendet, wie der Sprachforscher Ludwig Merkle trefflich feststellte. Von den nimmersatten Spekulanten, Boni-Empfängern und Zockern im Finanzgewerbe sagt man, ihnen sitze der Ruach im Gnack (Genick).

Erstaunlicherweise ereifert sich das Volk über den Ruach der Politiker, nicht aber über den der Fußballer. Vielleicht, weil der Ruach im Profisport religiöse Züge trägt. Vereinstreue, Sportkameradschaft, Fairness, das gab's früher. Heute zählen die Millionen auf dem Konto. Olympia- und Fußball-Business sind komplett vom Ruach kontaminiert. Verkörpert wird er von ausgschamten Managern und deren Zöglingen in den Arenen, die allesamt Euro- und Dollarzeichen in den Augen haben.

Bild: Alexandra Beier/dpa 14. Mai 2013, 11:352013-05-14 11:35:30 © Süddeutsche Zeitung/ebri/sonn/infu/tba