Zeiserlwagen

Die durch die Causa Hoeneß motivierte Gefängnisshow in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Landsberg war ein Schmarrn. Es profitierte nur der Voyeurismus, untertänigst serviert von Politik, Presse und JVA. Die Blamage wäre freilich noch zu steigern, wenn man den verurteilten Steuerhinterzieher Hoeneß öffentlich im Zeiserlwagen zum Haftantritt in die JVA Landsberg kutschieren würde. Das war früher, als den Delinquenten noch das Schafott und das dunkle Verlies drohten, durchaus üblich.

Die Häftlinge wurden damals in offenen Polizeifahrzeugen transportiert, die im Volksmund Zeiserlwagen hießen, analog zur Grünen Minna in Berlin. Es ist ein merkwürdig lustig klingender Name für eine so ernste Angelegenheit. Sofort kommt einem das Zeiserl in den Sinn, wie es im Kinderlied besungen wird: "Stieglitz, Stieglitz, 's Zeiserl is krank . . ." Das Wort Zeiserl ist ein Synonym für den Singvogel Zeisig. Laut dem Sprachforscher Ludwig Zehetner besteht aber kein direkter Zusammenhang zwischen Zeiserl und Zeiserlwagen. Denn das Polizeigefährt hieß ursprünglich Zeiselwagen. In diesem Substantiv steckt das alte Verb "zeiseln" (eilen). Den Zeisler definiert Zehetner als eine eilige Person, die unkonzentriert und ineffektiv arbeitet, er ist also ein Umstandskramer. In seinem "Bayerischen Wörterbuch" aus dem 19. Jahrhundert beschreibt Schmeller den Zeiselwagen als "Eilwagen der wohlfeilsten Art, meist ein ganz gewöhnlicher Leiterwagen mit Querbrettern zum Sitzen".

Als das Verb zeiseln aus der Mode kam, wich das Bestimmungswort Zeisel- dem Vogelnamen Zeiserl. Zehetner nennt dies eine volksetymologische Umdeutung. Im Wien der k.u.k.-Ära verkehrten die Zeiserlwagen als ein preisgünstiges Massenverkehrsmittel. Sogar heute kann man in einigen Wiener Stadtbezirken noch einen Zeiserlwagen für eine Rundfahrt bestellen, gleichsam als XXL-Version des Fiakers.

Bild: dpa 9. Mai 2014, 15:322014-05-09 15:32:37 © Süddeutsche.de/infu