Ettal: Untersuchungsbericht "Emotional hat uns das Kloster nicht erreicht"

An diesem Donnerstag wird das Kloster auch erklären, wie es die Opfer entschädigen möchte. Nach SZ-Informationen lehnt sich das Angebot an das der Jesuiten an; es umfasst Hilfen für Therapie und eine Zahlung von 5000 Euro - bei ungefähr 100 Opfern müsste das Kloster also rund 500.000 Euro zur Verfügung stellen. Für Härtefälle soll zusätzlich Geld bereitstehen.

Für die Mönche ist das viel Geld, ohne den Verkauf von Grundstücken, die Auflösung von Rücklagen dürfte es kaum verfügbar sein. Zusätzlich - und hier gehen die Ettaler weiter als die Jesuiten - soll ein unabhängiges Institut die Geschichte der Gewalt gegen die Schüler erforschen: Welche Struktur im Kloster, welche Pädagogik, welche Grundhaltung ermöglichte den Missbrauch, die Vertuschung? Der Vorschlag kommt von den Missbrauchsopfern, das Kloster hat ihn aufgegriffen.

Sie erkennen das an, die drei Männer auf den Lederstühlen in der Kanzlei. Ja, das Kloster hat sich bewegt in diesem dramatischen Jahr. Und doch sagt Robert Köhler: "Emotional hat uns das Kloster nicht erreicht." Zu tief ist der Abgrund, zu sehr haben die Benediktiner geschwankt zwischen ehrlich betroffener Einsicht, Hilflosigkeit und Abwehr.

Der Abgrund, die Hilflosigkeit, die Abwehr. Immer wieder war der pädophile Pater M. aufgefallen, doch bis zum Tod blieb er anerkanntes Mitglied der Klostergemeinschaft. Die Männer, die da Tür an Tür in geistlicher Gemeinschaft lebten, redeten nicht über Sexualität, ob einer keusch lebte, eine Frau hatte oder einen Mann - oder Kindern sexuelle Gewalt antat. Nie wurde das Prügelsystem des Internatsleiters G. hinterfragt, von dem Schüler berichten, er habe sich verhalten "wie der coole Chef einer Gang im Ghetto".

Kleinkrieg zwischen Kloster und Erzbistum

Und als 2010 die Journalisten recherchierten, war Abt Barnabas hilflos, erst an jenem Montag, als die ersten Meldungen im Radio liefen, informierte er das Münchner Ordinariat. Als Generalvikar Peter Beer den Abt dringend zu sprechen wünschte, war kein Auto im Kloster verfügbar; ein Wagen des Ordinariats fuhr die Mönche nach München.

Es war der Beginn eines furchtbaren Kleinkrieges zwischen Kloster und Erzbistum. Als Beer erfuhr, dass die Mönche ihm einen aktuellen Übergriffsverdacht verschwiegen hatten, drängte er Abt Bögle und Schulleiter Maurus Kraß zum Rücktritt, zu Unrecht, wie später eine vom Vatikan entsandte Untersuchungskommission feststellte, die allerdings ein Benediktiner leitete.

Strittig sind bis heute die Fälle zweier Patres, denen Übergriffe aus neuerer Zeit vorgeworfen werden und die ins sächsische Wechselburg versetzt wurden; in einem Fall hat die Staatsanwaltschaft am 20. Januar Anklage erhoben. Das Kloster geht davon aus, alles Mögliche getan zu haben, ein Gutachten des forensischen Psychologen Friedemann Pfäfflin aus Ulm inklusive - das Erzbistum wirft den Ettalern vor, das Gutachten falsch zu interpretieren.