Jagd auf Wildtiere Gams oder gar nicht

Schützen oder schießen? Über die Zahl der Tiere in Bayerns Bergen wird gestritten.

(Foto: Reiner Bernhardt/picture alliance/Reiner Bernha)

Gibt es in Bayerns Bergen eine gnadenlose Hatz auf Wild? Eine Allianz aus Jägern und Tierschützern behauptet das und spricht von "Todeszonen" für Gämsen, Hirsche oder Rehe. Doch es gibt Widerspruch - manche Experten sehen in den Tieren sogar eine akute Bedrohung.

Von Christian Sebald

Wer Gämsen beobachten will, der muss nur in die Münchner Hausberge fahren. Zwischen Rotwand und Taubenstein zum Beispiel kann man im Frühjahr ganze Rudel der kräftigen, ziegengroßen Wildtiere mit ihren markant nach hinten gebogenen Hörnern beobachten, wie sie auf den Almwiesen äsen. Auch am Sudelfeld, auf den Vorgipfeln des Großen Traithen kann man Scharen von Geißen und Kitzen antreffen. Am Brauneck sind sie sogar so zutraulich, dass sie im Winter direkt neben den Pisten und Skiliften im Fels herumtollen - der Skizirkus stört sie überhaupt nicht. "Den Gämsen hier bei uns in den bayerischen Alpen geht's richtig gut", sagt Ulrich Wotschikowsky, der nicht nur Experte für Wölfe ist, sondern für alle einheimischen Wildarten überhaupt.

Eine Allianz aus Tierschutzbund, Vogelschutzbund LBV und der konservativen Jägervereinigung "Jagdagenda 21" mit der Grünen-Politikerin Tessy Lödermann an der Spitze sieht das ganz anders. Nach ihrer Überzeugung findet in den Bergen eine gnadenlose Hatz auf Wild statt. "Rot- und Gamswild und auch das Reh werden nur noch als 'Schädlinge' betrachtet und regelrecht bekämpft", heißt es in einem Flyer der Allianz. "Unser heimisches Schalenwild wurde in den letzten 25 Jahren auf einen Bruchteil reduziert."

Besonders schlimm sei es um die Gämsen bestellt. Ein Großteil ihrer Lebensräume seien Gebiete, wo Bergwald aufgeforstet werde. Das aber "sind Todeszonen mit angeordnetem ganzjährigen Totalabschuss, ohne jede Schonzeit", heißt es in dem Flyer. Natürlich ist sich die Allianz auch über die Täter einig: Es sind die Förster, die einzig das Wohl des Bergwaldes zum Ziel hätten.

Diesen Samstag wollen Lödermann und ihre Verbündeten nun ein Zeichen setzen. Unter dem Titel "Gams am Abgrund? - (K)ein Lebensraum für die Gams in Bayern?" rufen sie zu einer Kundgebung nach Garmisch-Partenkirchen. Ihr Höhepunkt ist die Verabschiedung einer "Werdenfelser Erklärung zum Schutz unserer Gams". Ihre zentrale Forderung ist "der sofortige Stopp tierschutzwidriger Praktiken und Bejagungsstrategien". Mit ihrer Aktion stoßen Lödermann und Co. offenbar auf große Resonanz. "Die Anmeldungen sind so zahlreich, dass der Saal nicht ausreichen wird", sagt die Grünen-Politikern, die viele Jahre dem Landtag angehörte.

Bedrohnung für den Bergwald?

Nun könnte man sagen, lasst sie doch ihren Kongress abhalten und die Resolution verabschieden, die Tierschützer und die Jäger, deren einziges Ziel möglichst viel Wild in den Wäldern ist. Hauptsache, die Förster lassen sich nicht irre machen und bleiben dabei, dass sie mit ihren Jagden dafür sorgen, dass der Bergwald nachwachsen kann. "Denn es ist eine Tatsache, dass in unseren Bergwäldern zu viele Gämsen, Hirsche und Rehe leben und deshalb der junge Wald nicht gedeiht", sagt Wotschikosky. Tatsächlich werden jedes Jahr zwischen 3500 und 4000 Gämsen in Bayern geschossen. Dazu um die 11 000 Stück Rotwild und 300 000 Rehe. Der Verbiss an jungen Tannen, Buchen und Ahornbäumen im Bergwald ist dennoch nicht geringer geworden. Im Gegenteil: Er bewegt sich weiter auf hohem Niveau.

Das zeigt: Zum einen lebt trotz der vielen Abschüsse zu viel Wild in den Bergen. Denn die Triebe der jungen Tannen, Buchen und Ahornbäume sind Leckerbissen für die Tiere. Gämsen, Hirsche und Rehe fressen sie zusammen, so dass der Wald nicht nachwachsen kann. Deshalb sind auch die vielen Millionen Euro, welche die Förster und damit die Steuerzahler schon in Aufforstungen gesteckt haben und weiter stecken, verlorene Liebesmüh. Genau das ist aber das Problem. "Denn gesunde und stabile Bergwälder, in denen ausreichend viele junge Bäume nachwachsen, sind die beste Vorsorge gegen Muren, Lawinen, Hochwasser und die anderen Folgen des Klimawandels", sagt Wotschikowsky. "Sie werden immer wichtiger."

Wie viele andere Experten versteht er nicht, warum Lödermann die Allianz mit den Jägern eingegangen ist. "Denn es geht den Förstern doch nicht darum, Gämsen, Hirsche und Rehe auszurotten", sagt er. "Sondern darum, eine Balance herzustellen, damit die jungen Bäume eine Chance haben, wie es ja auch das Wald- und das Jagdgesetz vorgeben." Mit ihrem Engagement, so der Vorwurf, mache Lödermann nur ewig gestrige Jagdvorstellungen wieder salonfähig.

Die Tierschützerin lässt das nicht gelten. "Mein Engagement erstreckt sich nicht nur auf Hunde, Katzen, Meerschweinchen und all die anderen Tiere, die in unserem Tierheim leben", sagt Lödermann, die sich auch große Verdienste im Kampf gegen Massentierhaltung und quälerische Tiertransporte erworben hat. "Mir geht es um alle Tiere, auch um die Gamsen." Denen wird der Streit herzlich gleichgültig sein. Die milde Witterung der vergangenen Monate dürfte sogar dafür gesorgt haben, dass besonders viele den Winter überstanden haben. Man muss nur hinausgehen in die Münchner Hausberge. Dort kann man sie mit etwas Glück beobachten.

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