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Infektionszahlen:Die Erfolge sind fragil

Maßnahmen gegen Coronavirus wirken, Entwarnung gibt es nicht

Kein Zweifel, die brachiale Strategie der Staatsregierung gegen die Corona-Pandemie ist bisher aufgegangen. Von kleinen Schwankungen abgesehen, die womöglich an der Datenerfassung liegen, ist die Zahl der täglich neu bestätigten Infektionen deutlich gesunken, die der neu gemeldeten Corona-Toten ebenso. Am Donnerstag verzeichnete das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) ein Plus von 630 Infektionen gegenüber dem Vortag, ihre Gesamtzahl erhöhte sich auf 39 820. Die Zahl der Corona-Toten stieg um 59 auf 1502. Die Zahl der Corona-Patienten, die in Kliniken behandelt werden müssen, ist sogar leicht rückläufig. Stand Donnerstag lagen laut Gesundheitsministerium 3000 Infizierte in Kliniken, etwa 700 mussten auf Intensivstationen beatmet werden. Vor den Ostertagen hatte Ministerin Melanie Huml 3200 Corona-Patienten in klinischer Behandlung gemeldet, unter ihnen 740 Intensiv-Patienten.

Auch andere Parameter sind sehr viel günstiger als noch vor wenigen Wochen. Die Reproduktions- oder R-Zahl, die angibt, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter ansteckt, liegt laut LGL und Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) München bei 0,8. Rein rechnerisch stecken also zehn Corona-Patienten acht Menschen an. Anfang März lag die R-Zahl beinahe bei drei. Zugleich hat sich der Verdopplungszeitraum auf inzwischen 34 Tage verlängert. Er gibt die Zeitspanne an, in der sich die Zahl der Infektionen verzweifacht. Vor den Ostertagen betrug sie sechs Tage, zu Beginn der Pandemie 2,8 Tage. Die Zahl der täglichen Neuerkrankungen schätzen LGL und LMU aktuell auf etwa 480.

Wer jetzt denkt, alles sei im Griff, der irrt. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat in seiner Regierungserklärung Anfang der Woche eindringlich klarzumachen versucht, dass die bisherigen Erfolge - so bedeutsam sie sind - schnell kippen können. Am LGL, dessen Präsident Andreas Zapf zu Söders wichtigsten Beratern zählt, sehen sie das nicht anders. Die R-Zahl etwa. Ihr kritischer Wert beträgt eins, heißt es am LGL. Wenn die R-Zahl darüber steigt, drohe die Überlastung des Gesundheitssystems. Ab einer R-Zahl von 1,1 werde es in den Kliniken und Intensivstationen kritisch. "Deshalb gilt es nun, die Gratwanderung zu schaffen zwischen einer behutsamen Lockerung des Lockdowns und der weiteren Eindämmung des Infektionsgeschehens", sagt ein Sprecher.

Die Gratwanderung ist umso schwieriger, als weiter gilt: Die meisten Parameter spiegeln das Infektionsgeschehen von vor zwei Wochen wider. Andersherum gesagt: Die Auswirkungen der bevorstehenden Lockerungen - sei es der Ausgangsbeschränkungen, für Geschäfte oder für Schulen - wird man erst mit zwei Wochen Abstand feststellen können. Deshalb, auch das hat Söder vor dem Landtag betont, sind bei den Lockerungen Behutsamkeit und permanente Überprüfungen so wichtig. Ansonsten könnte eine abermalige Infektionswelle drohen. Und noch etwas ist wichtig: Der Freistaat muss weiter gegen Corona aufrüsten - also etwa noch mehr Intensivbetten einrichten. Auch da werden die Anstrengungen fortgesetzt. Ebenfalls Stand Donnerstag meldete Huml, dass Bayerns Kliniken 4600 Intensivbetten bereit halten, davon 3200 mit Beatmungsgeräten. Das sind 200 mehr als vor Ostern. Der Ausbau soll weiter voranschreiten.

© SZ vom 24.04.2020 / cws

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