Hilfe bei Spielsucht:"Wenn ich es richtig anpacke, hol' ich mir alles zurück"

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Das Gegenteil war der Fall. Der Bürokaufmann fährt danach immer öfter in die Spielbank, der Teufelskreis kommt in Gang: Er verliert mehr Geld, als er einsetzt. Er glaubt aber fest, irgendwann alles wieder zurückgewinnen zu können. Müller fängt an, seine Familie und Freunde um Geld anzupumpen, nach fünf Jahren steht er bei der Bank mit 5000 Euro Schulden in der Kreide.

Seine Psyche hatte sich da längst umgestellt auf "regelgeleitetes Verhalten" - er glaubte daran, die Spielregeln nur noch genauer studieren zu müssen, um zu gewinnen. Normal - also nicht krankhaft - wäre ein von Erfahrung geleitetes Handeln, also die Einsicht: Ich habe ein Vermögen verspielt, Fortuna ist launisch, kein Mensch kann sie beeinflussen - ich muss aufhören.

Rund 34 000 Menschen in Bayern bekommend das einigermaßen hin. Sie zeigen nur "problematisches Spielverhalten", so die medizinische Definition. Sie haben immerhin Schuldgefühle wegen verzocktem Geld, vernachlässigen aber bereits ihre Verpflichtungen, etwa indem sie statt in die Arbeit in die Spielhalle fahren. Da sitzen sie dann an dudelnden Spielautomaten und werfen eine Münze nach der anderen ein. Die Glücksspielbranche begünstigt dabei das Abrutschen ins gefährliche Suchtverhalten: Seit 2006 ist die Anzahl der Spielhallen in Bayern auf rund 21 000 im Jahr 2012 um das doppelte gewachsen.

Republikweit stehen rund 240 000 so genannte "Spielgeräte mit Gewinnmöglichkeit" in Kneipen und Spielhallen. 2011 fütterte ein Heer aus Zockern diese blinkenden und bimmelnden Automaten nach Branchenangaben mit rund vier Milliarden Euro. Doch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) plant seit kurzem strengere Regeln für die Automaten-Branche, wonach die Hälfte der Geräte in Lokalen abgebaut werden sollen. Die Branche spricht bereits von einer "stillen Enteignung der Betriebe."

Spielsüchtige haben das höchste Selbstmord-Risiko

Allerdings könnte dies so manchem Betroffenen buchstäblich das Leben retten. Die Spielsucht zählt nach Expertenmeinung zu den Suchterkrankungen mit dem höchsten Selbstmord-Risiko. Nach einer Statistik der Landesstelle für Glücksspielsucht sind 75 Prozent der Hilfe Suchenden in den Beratungsstellen süchtig nach dem Gewinnversprechen aus den Klimperkästen.

Auch Frederik Müller hätte seine Spiel-Besessenheit beinahe umgebracht: Bevor er in die Tagesklinik kam, wurde er stationär behandelt - Suizidversuch mit Schlaftabletten. Vor zwei Jahren hätte er das Ruder noch herrumreißen können: Seine Familie tilgte mit einem privaten "Bail out" seine gesamten Schulden. Er heiratete wieder, schaffte zwei Jahre Abstinenz vom Roulettetisch. Dann der Rückfall ins alte Regeldenken. "Wenn ich es richtig anpacke, hol' ich mir alles zurück", gibt Psychiaterin Pechler seine Einstellung wieder. Er spielt jetzt das volle Programm: Kasino, Spielautomaten, Sportwetten. Seiner Frau sagt er nichts - bis sie die Kontoauszüge prüft: Schuldestand: 150.000 Euro. Müller greift zur Tablettendose, er will dem Fiasko mit dem Tod entkommen.

Wie viele von Pechlers Patienten hat er zur Spielsucht noch eine weitere Erkrankung. Müller hat über die Jahre eine schwere Depression entwickelt. Andere verfallen Drogen oder entwickeln eine Persönlichkeitsstörung. Die Therapie dieser kombinierten Krankheitsbilder ist komplex.

Müller muss Antidepressiva schlucken, dazu von morgens bis abends an Therapiesitzungen teilnehmen. Der heute 45-Jährige muss dabei sein Verhalten und sein Denken völlig umkrempeln: Es zeigte sich, dass er beherrscht ist vom Wettkampfgedanken. "Ich bin nur etwas Wert, wenn ich gewinne", formuliert Pechler den Kerngedanken, der Müller ins Desaster geführt hat. Beim Fußball, beim Joggen, im Kasino - er musste der Erste sein, ansonsten setzt der Motor seiner Männlichkeit aus. Die Prognose ist offen. Immerhin hat er sich jetzt erstmals in allen bayerischen und österreichischen Spielbanken sperren lassen.

Derzeit gibt es nur zehn Plätze für Glücksspielsüchtige in Haar. Darunter sind auch Internetabhängige, die ihre Lebenszeit virtuell verdaddeln. "Die Tagesklinik ist erst der Anfang", sagt Klinikdirektorin Albus. Das Angebot werde in den nächsten Jahren weiter ausgebaut, die Nachfrage für die Suchtherapie wird weiter steigen. Denn mit dem Internet erwächst der Dostojewski 2.0: Man braucht nur vor dem heimischen Computer zu sitzen, um sich spielend in den Ruin zu klicken.

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