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"Haus des Spiels":Die wollen spielen

Nürnberg war einst ein bedeutender Standort der Spielzeugindustrie, es gibt ein Museum und die größte internationale Messe. Nun will die Stadt dem Thema ein eigenes Kulturhaus widmen

Von Claudia Henzler, Nürnberg

Die Stadt Nürnberg bezeichnet sich selbst gerne als "Spielzeugstadt". Schließlich war die fränkische Großstadt mit Firmen wie Fleischmann und Schuco einst ein bedeutender Standort der Spielzeugindustrie. Außerdem leistet sie sich trotz knapper Finanzen schon seit Jahrzehnten ein Spielzeugmuseum. Und jedes Jahr wird sie zum Ziel von Besuchern aus aller Welt, wenn die größte internationale Spielwarenmesse stattfindet. Darüber hinaus haben die städtischen Museen vor einigen Jahren das Deutsche Spielearchiv übernommen, das mittlerweile mehr als 30 000 deutschsprachige Gesellschaftsspiele in den Regalen hat. Eine "Stadt des Spielens" ist Nürnberg bisher trotz allem nicht geworden: Das Spielzeugmuseum ist eine klassische Vitrinenschau, die eher Kulturgeschichte vermitteln als Kindern Spaß machen will. Die Spielwarenmesse richtet sich an Händler und anderes Fachpublikum und das Spielearchiv ist bisher hauptsächlich für Wissenschaftler interessant. Das aber soll sich ändern. Denn die Stadt plant, dem Thema Spielen ein eigenes großes Kulturhaus zu widmen.

Es soll ein Zentrum werden, in dem spielebegeisterte Menschen aller Altersgruppen zusammenkommen können - egal ob sie sich für klassische Brettspiele oder für digitale Rollenspiele interessieren. Ein Ort, an dem Würfel rollen und Karten gemischt werden, wo das Kulturgut Spielen aber auch erforscht, vermittelt und weiterentwickelt wird. Noch steht das inhaltliche Konzept nicht, eine erste Veranstaltungsreihe soll zeigen, in welche Richtung es gehen könnte. Von diesem Wochenende an probiert das städtische Kulturreferat ein halbes Jahr lang mit dem Programm "Testspiele" aus, was künftig in einem "Haus des Spiels" passieren könnte.

Die Stadt Nürnberg betreibt das Deutsche Spielearchiv, in dem mehr als 30 000 Gesellschaftsspiele aufbewahrt werden. Einen Teil zeigt sie im Schaudepot des Spielearchivs. Zurzeit sind dort Schätze aus dem Produktarchiv des Verlags Spear-Spiele ausgestellt.

(Foto: Stefan Meyer)

Im Veranstaltungskalender finden sich viele Termine, an denen Jung und Alt Brett- und Konsolenspiele testen können, ein "Pokémon Go Walk" durch die Nürnberger Altstadt sowie sogenannte Live Escape Games, bei denen sich die Mitspieler aus einem Keller befreien müssen, indem sie gemeinsam Hinweise finden und Aufgaben lösen. Auch Bridge- und Schafkopf-Kurse sind im Angebot. Die Meta-Ebene bedienen zum Beispiel Workshops zur Spieleentwicklung oder ein Elterninformationsabend über das Videospiel "Fortnite". Und ein Wirtschaftswissenschaftler wird der Frage nachgehen, wie man Spielen im Beruf einsetzen und damit Motivation erzeugen kann.

Das Programm haben die Museen der Stadt Nürnberg entwickelt. Bei ihnen würde das geplante "Haus des Spiels" angedockt werden. Gabriele Moritz, Leiterin der kulturhistorischen Museen, bezeichnet die "Testspiele"-Veranstaltungen als "erste Gehversuche". Wichtig sei ihr dabei die Zusammenarbeit mit kompetenten Partnern aus Region und Stadtgesellschaft. Die wolle sie später fortsetzen und ausweiten. "Das Haus soll sich partizipativ entwickeln", betont die Museumsleiterin. Eingebunden sind beispielsweise die Gruppe "project hive", die Computerspielwettbewerbe organisiert, oder der Verein Ali Baba, der das klassische Gesellschaftsspiel bei regelmäßigen Spieleabenden pflegt. Daneben bringen sich mehrere Universitäten ein, etwa der Lehrstuhl für Psychologie der Universität Bamberg, der sich mit den Entstehungsprozessen von analogen und digitalen Spielewelten beschäftigt.

So soll es im ehemaligen Lesessaal des Pellerhauses im kommenden halben Jahr häufig zugehen.

(Foto: Uwe Niklas/Museen der Stadt Nürnberg)

Veranstaltungsort ist das Pellerhaus im Norden der Altstadt, ein Fünfzigerjahrebau, der wegen seiner Fassade immer wieder in der Diskussion steht und in jedem Fall dringend eine Sanierung benötigt. Falls sich der Stadtrat nach der Testphase für die Idee eines "Haus des Spiels" begeistern kann und den Umbau finanziert, von dem man noch nicht weiß, was er kosten wird, will Gabriele Moritz das Gebäude in eine offene Begegnungsstätte verwandeln: mit einem Spielecafé, Ausstellungen, Veranstaltungsräumen, Platz für Forschung und das Spielearchiv.

2013 hat das Spielearchiv mit seiner angeschlossenen Forschungsstelle das leer stehende Pellerhaus übernommen und sich dort provisorisch eingerichtet. Früher war dort die Stadtbibliothek untergebracht, was man der Inneneinrichtung noch heute ansieht. Die Idee für das "Haus des Spiels" ist aus der Arbeit des Spielearchivs entstanden: Die Stadt finanziert drei Mitarbeiterinnen auf zwei Vollzeitstellen, die das Archiv pflegen und jährlich um etwa 500 Neuerscheinungen ergänzen. Sie haben den Anspruch, ihr Haus einerseits zu einem bundesweit bekannten Kompetenzzentrum für das Spielen zu entwickeln und sich mit anderen Akteuren zu vernetzen - vom Computerspielemuseum in Berlin bis zum Didaktikprofessor, der Methoden für spielerisches Lernen erforscht. Sie machen aber auch pädagogische Angebote für lokale Schulklassen und bieten unregelmäßig Spieletreffs für die Nürnberger an.

Die Stadt hat das Archiv 2010 von einem privaten Sammler gekauft und durch zwei weitere bedeutende Sammlungen ergänzt, zuletzt das Firmenarchiv der Firma Spear, die Ende des 19. Jahrhunderts in Fürth gegründet und in der NS-Zeit arisiert wurde. "Scrabble" ist noch immer bekannt, das für die Stadt der Reichsparteitage entwickelte Gesellschaftsspiel "Kennst du Nürnberg" kann man hingegen nur noch im Schaudepot des Spielearchivs sehen. Bisher ist es, genau wie das Pellerhaus insgesamt, aber nur sporadisch geöffnet. Auch wer zu den wöchentlichen Spieleabenden des Vereins Ali Baba im ehemaligen Lesesaal will, muss abends an einer unscheinbaren Hintertür klopfen. Wenn das Pellerhaus erst einmal saniert und umgebaut ist, soll das alles schöner und besser werden. Bis dahin wird es aber noch dauern. Als Eröffnungsdatum für das "Haus des Spiels" ist 2025 im Gespräch.

© SZ vom 14.12.2018
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