Gelebte Inklusion Bei Anruf Anschluss ans Leben

Oft sind Senioren und Menschen mit Behinderung vom Alltag ausgegrenzt. Ein Augsburger Carsharing-Verein hilft ihnen

Von Vinzent-Vitus Leitgeb, Augsburg

Hanna Wrensch kommt aus einer Generation, in der - wie sie sagt - noch wenige Frauen gelernt haben, Auto zu fahren. Sie ist jetzt mehr als 80 Jahre alt. Auch für Züge fühlt sie sich nicht mehr sicher genug auf den Beinen. Dabei gibt es natürlich immer Anlässe, zu denen sie unbedingt von Zuhause weg möchte. Ende September zum Beispiel, als ihr Sohn seinen 60. Geburtstag in Nürnberg feierte. Ohne fremde Hilfe wäre sie da nicht hingekommen. Geschafft hat sie es dank "Gemeinsam Mobil", einem Angebot des Augsburger Carsharing-Vereins "Bei Anruf Auto".

"Viel zu oft schließen wir Menschen aus dem Alltag aus, einfach weil sie nicht mehr mobil sind", sagt Matthias Reinsch, Vorsitzender des Vereins. Seit September 2014 kooperieren er und seine Kollegen deshalb mit der Kirchengemeinde St. Thomas in Augsburg. "Bei Anruf Auto" stellt Fahrzeuge, St. Thomas vermittelt ehrenamtliche Fahrer, die Senioren bei Bedarf abholen und fahren. Für Einkäufe, Familientreffen oder zu Freunden. "Wir fahren öfter eine 90-jährige Dame, die einfach mit ihren Freundinnen Karten spielen will", erzählt Reinsch. "Das ist das Highlight ihrer Woche - wenn sie nicht gerade verliert."

Die Kosten für die Gefahrenen sind hierbei gering: Sie zahlen monatlich lediglich den Vereinsmitgliedsbeitrag von zwei Euro, dazu - wie bei anderen Carsharing-Angeboten üblich - Zeit- und Kilometergeld je nach Fahrt. "Das ist deutlich billiger als jedes Taxi, und es entstehen öfter sozialer Netzwerke zwischen Fahrern und Gefahrenen", sagt Reinsch.

Sein Verein wurde 2001 gegründet, damals als erstes Carsharing-Angebot Augsburgs. Ziel war nie der kommerzielle Erfolg, sondern immer der Gemeinnutzen. Parkplätze sollten eingespart, die Umwelt geschont werden. Bei Bedarf können sich Mitglieder Anhänger, Fahrradträger oder Dachboxen ausleihen. Inzwischen stehen 18 Autos zur Verfügung für 280 Personen. Die neueste Anschaffung: ein Kastenwagen mit eigener Rollstuhlrampe. Reinsch öffnet den Kofferraum und demonstriert, wie schnell das Auto umgebaut werden kann: einfach die hintere Sitzbank nach vorne umlegen und die Rampe hinten ausklappen. Der Rollstuhl wird dann an vier Punkten mit Gurten fixiert, keine zwei Minuten dauert das alles. Die Rentnerin Hanna Wrensch braucht zwar keinen Rollstuhl, sie weiß aber genau, wie wichtig solche Angebote sind. Einer ihrer Söhne hat an einer schweren Muskelkrankheit gelitten. "Versuchen Sie einmal, einen Elektrorollstuhl in ein Auto zu lupfen. Das ist nur schwer möglich", sagt sie. Und auch bei einem Schieberollstuhl sei es eine riesen Erleichterung, diesen einfach ins Auto hineinschieben zu können.

"Bei Anruf Auto" sei ein wichtiger Mosaikstein, wenn es um die Mobilität von Menschen mit Behinderung geht, sagt auch der Augsburger Stadtrat Benedikt Lika (CSU). Er sitzt selbst im Rollstuhl und möchte, dass es eine Selbstverständlichkeit wird, dass Carsharing-Vereine einen Pool an umgebauten Autos anbieten. "Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie teuer die sind. Nicht jeder Mensch mit Behinderung kann sich das leisten", sagt er. Dass auch die Stadt Augsburg, die seit kurzem selbst Carsharing anbietet, ein Inklusionsfahrzeug anschafft, hat Lika angeregt. Bisher allerdings noch ohne Rückmeldung.

2016 hat das Sozialreferat immerhin ein E-Bike gekauft, auf dem vorne auf einer Rampe ein Mensch mit Behinderung samt Rollstuhl mitgenommen werden kann. Ausleihen kann dieses sogenannte Rollfiets jeder, der möchte. Zu den Stammkunden zählen einige Privatpersonen, ein Seniorenheim, oder auch Marion Brülls vom Dominikus-Ringeisen-Werk, einer Wohn- und Förderstätte für Menschen mit Sehschädigung. "Wir können damit weitere Strecken zurücklegen und den von uns betreuten Menschen ganz andere Hörreize bieten. Das Rauschen der Wertach, die Vögel. Das ist toll", sagt sie. Das einzige Problem: Bisweilen fehlen ehrenamtliche Helfer, die gerne in die Pedale treten. Nur ein Herr sei unermüdlich und mache immer wieder Tagesausflüge.

Reinsch von "Bei Anruf Auto" kennt das Problem bei seinem Inklusionsfahrzeug. Langsam etabliere sich das Angebot, aber vor allem bei den Menschen, die gefahren werden möchten. 20 bis 30 Anfragen gibt es in der Woche, davon vier bis sechs jeweils von Menschen im Rollstuhl. Demgegenüber stehen halb so viele Fahrer, die das neben ihrem Beruf machen. "In Wirklichkeit gibt es so nur einen kleinen Kern an Fahrern, der viel Zeit reinsteckt", sagt Reinsch. Er selbst übernimmt die Koordination: Jeden Samstag hört er den Anrufbeantworter mit Bitten um Fahrten in der folgenden Woche ab, versucht Fahrer zu organisieren und ruft dann bei den Antragstellern zurück. Trotz der Personalsorgen hat er meistens doch gute Nachrichten.