Ganslberg:Koenig und 9/11

"The Sphere" hat die Terrorangriffe auf New York überstanden. In Landshut gedenken die Menschen ihres Schöpfers

Von Hans Kratzer, Landshut

Als am Samstag in New York die zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer des Terroranschlags vom 11. September 2001 lief, da kehrte auch am Anwesen des Bildhauers Fritz Koenig in Ganslberg bei Landshut Stille ein. Viele Gäste hatten sich dort versammelt, pünktlich um 14.46 Uhr verstummten sie ebenso wie die Menschen in Amerika für eine Minute des Gedenkens. Dass das seit Koenigs Todesjahr 2017 verwaiste Anwesen aber vor und nach der Schweigeminute voller Leben war, hatte einen erfreulichen Grund.

Zum ersten Mal überhaupt wurde die sogenannte Kugelhalle zugänglich gemacht. Jene Halle also, in der Fritz Koenig vor 50 Jahren die Große Kugelkaryatide fertiggestellt hatte, ein erzenes Kunstwerk, das von hier aus nach New York verfrachtet wurde. Dort bildete die Monumentalskulptur, die in Amerika "The Sphere" heißt, 30 Jahre lang das Zentrum einer Plaza vor den Twin Towers. Die Tatsache, dass dieses Kunstwerk von den Trümmern der Türme begraben, aber nicht zerstört wurde, erregt bis heute Staunen. 2017 kehrte die Skulptur auf das Gelände zurück und überblickt nun, so der Freundeskreis Fritz Koenig, "vom Liberty Park aus mit ihrem Zyklopenauge die weite Fläche, auf der einst die höchsten Türme der Welt standen."

Kein Wunder also, dass die Besucher in Ganslberg ein Staunen umfing, dem sich an diesem magisch wirkenden Ort ohnehin niemand entziehen kann. Allein schon wegen der fast surrealen Verknüpfung zwischen New York und Ganslberg wird der Name Fritz Koenig in Erinnerung bleiben. Zweifellos klebt an Ganslberg ein Stück Weltgeschichte. Hier wurde ein Kunstwerk geschaffen, das nach den Anschlägen von 2001 zum Mahnmal mutierte und insgesamt ähnlich unergründliche Züge trägt wie sein Schöpfer, um den sich am Samstag viele Erinnerungen rankten.

Ganslberg: Auf reges Interesse stieß die Eröffnung der Ausstellung über Fritz Koenigs Kugelkaryatide in Ganslberg.

Auf reges Interesse stieß die Eröffnung der Ausstellung über Fritz Koenigs Kugelkaryatide in Ganslberg.

(Foto: HAK)

Manche Gäste erinnerten daran, dass Koenigs Werk überhaupt von Vorahnungen durchdrungen war. Papierschnitte aus dem Jahr 1994, die den Titel "Beben" tragen, wirken so, als zeigten sie die Zwillingstürme vor dem Einsturz. Eine Kohlezeichnung aus dem Jahr 1998 sieht aus, als zeige sie einen der Türme, wie er von einem Flugzeug durchschlagen wird. "Wenn ich das sehe, krieg' ich manchmal eine Gänsehaut", gestand selbst Fritz Koenig.

In Landshut selber ist von der Weltgeltung Koenigs eher wenig zu spüren. Was auch in dem Gezerre um seinen Nachlass und nicht zuletzt um sein Anwesen Ganslberg zum Ausdruck kommt. Für den Freundeskreis Fritz Koenig ist es gar keine Frage, dass die Kugelhalle als ein einzigartiger Ort in Bayern zu betrachten ist und als einzig passender Platz, um am Gedenktag der Anschläge vom 11. September 2001 eine Ausstellung über Koenig und die Kugelkaryatide zu eröffnen.

Unter den Gästen weilte auch Carl Graf von Soden-Fraunhofen, der das Werk Koenigs sehr schätzt. "Das ist ein Stück Heimat zum Vorzeigen", sagte er, "Landshut kann stolz auf Koenig sein, auch wenn man den Eindruck hat, dass dies nicht immer der Fall ist." Unvergessen ist für ihn die Eröffnung der Koenig-Retrospektive in den Uffizien von Florenz im Sommer 2018. Er ist heute noch schwer beeindruckt, wie prominent Koenig und Landshut in dem Weltmuseum präsentiert wurden. Tatsache ist aber auch, wie mehrere Besucher anmerkten, dass in Landshut nur spärlich Notiz von diesem Ereignis genommen wurde.

Bei den Gesprächen klang durch, warum das Verhältnis zwischen Landshut und dem Bildhauer kompliziert war. Koenig war eben auch ein eigensinniger Sturkopf. Sebastian Stanglmaier, der Bürgermeister der Gemeinde Altdorf, zu dem der Ortsteil Ganslberg gehört, bestätigte, die Einheimischen hätten kein enges Verhältnis zu Koenig gepflegt. Der Künstler habe sich Sympathien verscherzt. Positiv stimme ihn, dass viele Altdorfer die Ausstellung in der Kugelhalle besucht haben.

Ganslberg: Ein Foto zeigt die Skulptur vor der Halle.

Ein Foto zeigt die Skulptur vor der Halle.

(Foto: HAK)

Das Anwesen Ganslberg, über dessen Zukunft gerade eine Machbarkeitsstudie erstellt wird, ist nicht nur ein historisches Zeugnis, sondern auch ein architektonisches Juwel. Koenig hatte auf der Hügelkuppe in den frühen 60er Jahren mehrere Hektar Grund erworben und dort ein Wohnhaus, Pferdestallungen und Ausstellungshallen errichtet. Er fügte alles so überragend harmonisch in die Landschaft ein, dass das Ensemble selber ein Kunstwerk darstellt. Man kann nachvollziehen, wie sehr sich Koenig geärgert hat, als ihm wegen des Baus der Autobahn A 92 der schönste Teil des Grundes weggenommen wurde.

Für die Bayerische Architektenkammer war die Kugelhalle ein wesentlicher Grund, sich an der Ausstellung zu beteiligen, sagte deren Präsidentin Lydia Haack. Koenig hat sie eigens für den Bau der Skulptur errichten lassen. Sie lebt von einfachen, klaren Formen, alles ist funktional. Koenig, der 2009 den Bayerischen Staatspreis für Architektur erhielt, setzte sich stets intensiv mit dem Ort auseinander, eigentlich eine Grundvoraussetzung für jedes Bauen, wie Stanglmaier sagte. Das Ergebnis sei jene Robustheit, die auch die Kugel vor der Gewalt geschützt hatte.

Der Schauspieler Stefan Hunstein las dann Koenigs Lieblingsstellen aus der Literatur vor, darunter einen Abschnitt aus Thomas Bernhards Roman "Alte Meister". Dort geißelte Bernhard den Zustand der Bewunderung als einen Zustand der Geistesschwäche. "Diese Stelle hat Fritz Koenig sehr geliebt", sagte Hunstein, die Zuhörerschaft lachte. Martin Scharrer vom Freundeskreis Fritz Koenig entgegnete, "Bewunderung gegenüber Koenig müssen wir also streichen. Hoffentlich kriegen wir das hin."

Ganslberg: Koenigs Wohnzimmer in Ganslberg.

Koenigs Wohnzimmer in Ganslberg.

(Foto: Toni Ott)

Allgemein bedauert wurde, dass in Koenigs Leben nach dem Tod seiner Frau Maria einiges aus den Fugen geriet. Der Künstler war sprunghaft, von vielen Bewunderern umgeben, was ihm zwar taugte, aber dazu führte, dass aus dem Erbe der Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung 80 Kunstwerke fehlen, deren Verbleib ungeklärt ist. Der Samstag klang aus mit der allgemein bekräftigten Hoffnung, dass wenigstens das Ensemble Ganslberg einer befriedigenden Nutzung zugeführt werden wird.

Die Ausstellung "Fritz Koenig. Große Kugelkaryatide New York. Vom Kunstwerk zum Mahnmal" ist noch einmal am 25./26. September in der Kugelhalle Ganslberg zu sehen (Anmeldung unter: anmeldung@freunde-fritz-koenig.de). Danach geht sie bis September 2022 auf Wanderschaft.

© SZ vom 13.09.2021
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