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Fall Lämmle:Später Wille zur Wiedergutmachung

Der Fall eines Münchner Kunsthändlers zeigt den Wandel im Umgang mit Beutekunst

Siegfried Lämmle wurde 1937 gezwungen, seine Münchner Kunsthandlung zu schließen und seine Waren billig zu verkaufen. In dieser Zeit erwarb das Germanische Nationalmuseum direkt bei Lämmle 23 Objekte, überwiegend Werkzeuge und Zunftobjekte.

Das Geld brauchte Lämmle, um in die USA zu emigrieren, was ihm Ende September 1938 gelang, weil sein Bruder Karl für ihn bürgte. Der war schon 1884 ausgewandert und hatte sich in Los Angeles als Carl Laemmle einen Namen gemacht: Er war Gründer der Universal Studios.

Nach 1945 hat das Museum Grafiken aus der Sammlung Lämmle behalten - so wie diese Augsburg-Ansicht des Zeichners und Kupferstechers Karl Remshard.

(Foto: GNM)

Siegfried Lämmle musste einiges zurücklassen. Kunstwerke, die sich noch in seiner Wohnung befanden, wurden 1939 auf Rechnung der Gestapo beim Münchner Auktionshaus Weinmüller veräußert. "Der Versteigerer Adolf Weinmüller gehört zu den zentralen Protagonisten und Profiteuren des Münchner Kunsthandels der NS-Zeit", stellt Anja Ebert fest, Kunsthistorikerin am Germanischen Nationalmuseum.

Bei Weinmüllers Auktion erwarb das Museum sieben Zeichnungen mit Augsburger Stadtansichten von Karl Remshard, was ein Mitarbeiter der mit Restitution befassten US-Stellen nach 1945 nachvollziehen konnte, weil es ein annotiertes Exemplar des Versteigerungskatalogs gab. So machte Lämmle 1949 über einen Rechtsanwalt seine Ansprüche auf sechs Zeichnungen geltend. Das Museum verschwieg damals nicht nur, dass es noch eine weitere gekauft hatte, es antwortete auch "recht schroff", so Ebert, dass sich Lämmle an die Wiedergutmachungsbehörde wenden solle. Die Stadtansichten blieben im Museum.

Siegfried Lämmle, 1863 im schwäbischen Laupheim geboren, zählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den angesehensten Kunsthändlern Münchens. In der NS-Zeit musste er sein Geschäft aufgeben und fliehen.

(Foto: GNM)

Siegfried Lämmles Erben wurden 1955 von der Bundesrepublik pauschal für den Verlust des Eigentums entschädigt. Für das Museum ist die Sache damit nicht erledigt. Der Vorgang wirft nach Eberts Ansicht "ein bezeichnendes Licht auf das Verhalten der Verantwortlichen unmittelbar nach 1945". Ein Unrechtsbewusstsein war nicht erkennbar, Informationen wurden wissentlich zurückgehalten. "Heute wird eine einvernehmliche Einigung mit den Erben von Siegfried Lämmle angestrebt."

© SZ vom 06.11.2017 / henz

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