Ettal Die dunkle Seite des Klosters

Ettaler Patres setzen auf Vorbeugung: Missbrauchsopfer sollen Schülern berichten, wie man sich wehrt.

Von Heiner Effern

Abt Barnabas Bögle hat sein Amt als Leiter des Klosters Ettal eingebüßt, nicht aber die Souveränität, die solch ein Amt verlangt.

In schwarzer Kutte sitzt er in einer Runde von Journalisten, es soll über die Neuausrichtung von Internat, Schule und Kloster gesprochen werden. Und Barnabas Bögle sagt den Satz, der nach Wochen voller Enthüllungen über sexuellen Missbrauch und brutale Gewalt im Internat der Benediktiner angemessen ist.

"Diese Problematik ist nun in unser Stammbuch geschrieben. Sie ist jetzt unsere Aufgabe, die wir offen und über lange Zeit zu bewältigen haben." Pater Maurus Kraß, der als Schulleiter und Prior des Klosters ebenfalls von seinen Ämtern zurücktreten musste, drückt es so aus: "Wir müssen die dunkle Seite unseres Klosters annehmen."

Nach einer ersten inneren Aufarbeitung haben die Ettaler Patres ein Vorgehen beschlossen, wie sie den Opfern konkret Hilfe anbieten: Zum einen soll jeder Ehemalige, der diesen Wunsch hat, Gelegenheit zu einem direkten Gespräch mit den Patres erhalten. Zum anderen werden die Benediktiner materielle Hilfe anbieten. Gleichzeitig soll die Prävention an der Schule und im Internat eine prägende Rolle einnehmen.

"Kompetent helfen"

Unter anderem soll ein ehemaliges Missbrauchsopfer aus Ettal in direktem Gespräch den Kindern erklären, wie sie solch gefährliche Situationen erkennen und was sie dagegen unternehmen können. "Wir möchten möglichst kompetent helfen und alles dafür tun, dass solch schlimme Vorfälle nie mehr passieren können", sagt Bögle.

Über welche Rechtsform die materielle Entschädigung von Opfern abgewickelt werden soll, steht noch nicht fest. Möglich ist eine Stiftung, aber auch eine Beteiligung an einem Entschädigungsfonds der Kirche. Doch die Zahlungen will das Kloster nicht in den Vordergrund stellen. "Wir wollen und müssen den Eindruck des Freikaufens vermeiden", sagt Abt Barnabas.

Nur so viel stellen die Patres klar: Entschädigungen werden aus dem Vermögen des Klosters kommen, nicht aus den Einnahmen durch die Kirchensteuer. Pater Maurus drückt die direkte Verantwortung aus, in der sich die Benediktiner für die Vorfälle sehen. "Wir müssen unseren Weg finden", sagt er. Zu viele gute Ratschläge von außen könnten auch ein Hemmnis sein.

Dieser letzte Satz kann auch als Hinweis aufgefasst werden, dass die Patres die teils massive Unterstützung von Alt-Ettalern als Einschränkung für die Aufarbeitung empfinden. Es soll auf keinen Fall vorkommen, dass die Opfer von damals nun auch noch Opfer einer falsch verstandenen Solidarität mit dem Kloster werden. Professionelle Hilfe von außen will die Gemeinschaft nun verstärkt zuzulassen.

"Wir mussten diese Offenheit schmerzhaft erlernen, wollen sie aber auch für die Zukunft bewahren", sagt Pater Emmeram, der das Kloster kommissarisch leitet. In einem Brief an die Geschädigten bietet das Kloster auch den Kontakt zu externern Ansprechpartnern an, zum Beispiel zu Opferorganisationen..

Die interne Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und Gewalttätigkeiten, die sich im Wesentlichen bis Anfang der 1990er Jahre ereigneten, soll durch eine apostolische Visitation geleistet werden. Die wohl in Kürze beginnende kirchliche Bestandsaufnahme könnte auch für die Zukunft des ehemaligen Abtes Barnabas und des bisherigen Schulleiters Pater Maurus entscheidend sein, die im Moment noch mit Celllerar Pater Johannes und Pater Emmeram im Kloster meinungsbildend sind.

Beide gelten intern als Patres, die das Kloster nach außen geöffnet haben. Sie hätten Fehler im Umgang mit einem möglichen Missbrauchsfall 2005 gemacht, doch keine Schuld auf sich geladen, heißt es. Der pädophile Pater war sofort aus dem Internat abgezogen worden, inwieweit tatsächlich eine Meldepflicht bestanden hat, soll nun auch der apostolische Visitator klären.