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EADS in Unterschleißheim:Verhaltener Protest

Cassidian-Zentrale in Unterschleißheim.

Mitarbeiter der EADS-Tochter Cassidian in Unterschleißheim Menschen gehen an der Zentrale des Rüstungsunternehmens vorbei.

(Foto: dpa)

Schweigende Mitarbeiter, vorsichtige Gewerkschafter und eine unverbindliche Konzernspitze: Auch nach einer Betriebsratsversammlung bei der EADS-Rüstungssparte Cassidian ist die Zukunft nicht fassbar.

Einen wunderschön geschmückten Weihnachtsbaum haben sie aufgebaut, hier in der Zentrale von Cassidian in Unterschleißheim, am nördlichen Stadtrand Münchens. Darunter liegen, in buntes Papier eingeschlagen, Geschenke. Doch Geschenke werden nebenan, in der Kantine, nicht verteilt. Fast alle der 1400 Mitarbeiter der Rüstungstochter von EADS drängen sich dort, die Sitzplätze reichen nicht aus.

Es ist die erste Betriebsversammlung an einem der deutschen Standorte, seit am Montag bekannt geworden ist, dass bis zu 2600 Mitarbeiter, Stammbelegschaft wie Leiharbeitnehmer, abgebaut werden sollen. Bayern wird es besonders hart treffen, hier arbeiten insgesamt knapp 15.000 Menschen für EADS. Und in Bayern sitzt das militärische Know-how jenes Konzerns, der künftig lieber mit seinem zivilen Gesicht, dem des Flugzeugbauers Airbus, identifiziert werden will. Von Januar an heißt der gesamte Konzern wie die profitabelste Tochter. Die Rüstung wird hingegen zusammengeschmolzen und gebündelt - das neue Hauptquartier heißt Ottobrunn.

Auch anderswo zittern sie deshalb in diesen Tagen: vor allem in Manching, wo sie Teile des Eurofighters produzieren: Jenes Kampfflugzeuges, für das es noch bis 2017 Aufträge gibt, danach kommt erst einmal nichts mehr - wenn nicht die Europäer selbst nachrüsten. Oder man sich bei einem Großauftrag gegen sämtliche Konkurrenten für 70 Flieger für die Vereinigten Arabischen Emirate durchsetzen kann. Wenn nicht, drohen die nächsten Schläge.

Eine Miniatur des Eurofighters hängt auch in der spiegelverglasten Lobby in Unterschleißheim, daneben eine Drohne - sie symbolisiert die Zukunft, auf die der Konzern gerne setzen würde. Dazu müsste die Politik mitziehen. Arbeitsplätze gegen Friedenspolitik - für die Politik keine ganz einfache Abwägung. Wie sie ausgehen wird, ist völlig ungewiss.

So argumentiert auch die Konzernspitze. Überraschend ist an diesem Tag der jetzige Cassidian- und künftige Air-and-Space-Vorstand Bernhard Gerwert in die Betriebsversammlung gekommen. Zunächst hatten er und EADS-Chef Tom Enders abgesagt. Nun sei Gerwerts Flug zu einem wichtigen Termin in London ausgefallen, er habe so einige Minuten gefunden, um den Mitarbeitern zu erläutern, wohin er die neue Sparte steuern will, erzählt ein Betriebsrat.

Was Gerwert sagt, ist nur für die Mitarbeiter, nicht für die Öffentlichkeit zu hören. Gerwert habe die Absicht bekundet, den Konzernumbau ohne betriebsbedingte Kündigungen schaffen zu wollen, sagt ein Unternehmenssprecher. Gerwert sei sicher, dass die Rüstungssparte in Europa nicht wachsen werde. Man sei auf einem "harten Markt" unterwegs, auf dem alle sparen müssten - EADS wie auch die Wettbewerber, wie Boeing oder Lockheed Martin. Die neue Zentrale richte man in Ottobrunn ein, weil ein Umzug nach Unterschleißheim zu teuer sei, auch weil es in Ottobrunn zahlreiche Labore gebe, die in Unterschleißheim fehlten. Zudem habe man sich in Ottobrunn der Innovation und dem bayerischen Staat verpflichtet, mit dem Bau des Ludwig-Bölkow-Campus.

Ob er mit diesen Ausführungen nun zufrieden sei, wird später Betriebsratschef Wolfgang Kiefer-Heydenreich gefragt. "Klares Nein", antwortet er. Ihm fehle "das Fleisch". Wohin soll es gehen? Warum werden welche Entscheidungen gefällt? Doch alles, was er und andere Betriebsräte und Gewerkschafter seit Montag sagen, klingt seltsam vorsichtig.

"Das ist kein kämpferischer Standort"

Weder vor dem Cassidian-Gelände noch in der Lobby haben Arbeitnehmervertreter Protestplakate entrollt. "Die haben wir drinnen gelassen", erklärt Kiefer-Heydenreich in der Kantine. Flagge zeigen sieht anders aus. Kiefer-Heydenreich trägt dafür bayerische Tracht, wie auch seine Kollegen. Dies sei kein Zufall, keine Tradition, sondern ein Statement. "Wir wollen um den Standort kämpfen", sagt er.

Vor allem Verwaltungsleute arbeiten in Unterschleißheim, nur 200 bis 300 von ihnen im operativen Geschäft, sagt ein Unternehmenssprecher, der immer wieder aus der Versammlung herauskommt, um die Medien zu informieren. Kaum ein Mitarbeiter möchte nach der Versammlung am Mittwoch sprechen. Er sei nicht mehr ganz so sauer, weil einer aus der Führungsmannschaft gekommen sei, sagt ein Mitarbeiter. "Das ist kein kämpferischer Standort", erklärt ein Insider die Zurückhaltung. Hier herrsche hohe Fluktuation, wenig Identifikation, die Gewerkschaft sei schwächer als an anderen Standorten. Und man sei bei EADS ohnehin einiges an strategischem Wandel gewöhnt.

Statt der Mitarbeiter reden Politiker. Aus dem Landtag sind Annette Karl (SPD), CSU-Fraktionsvize Kerstin Schreyer-Stäblein und Markus Blume (CSU) gekommen. Und auch der Unterschleißheimer Bürgermeister Christoph Böck (SPD). Böck, der an diesem Tag keine einfache Rolle hat, sagt, dass es ihm weniger um seinen Standort gehe als um die Menschen, um deren Zukunft. In dem Gebäude gehe es schon irgendwie weiter, es gebe erste Gerüchte über Interessenten. Das Haus hat ohnehin seine eigene Geschichte. Früher saß dort einmal Siemens.

© SZ vom 12.12.2013/tba

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