Das Erbe von Fritz Koenig:Schwieriger Anlauf zur Ausstellung

Das Erbe von Fritz Koenig: Fritz Koenigs "Große Bilderschriftkugel", die vor dem Rathaus in Unterföhring steht, soll auch in den Uffizien in Florenz zu sehen sein.

Fritz Koenigs "Große Bilderschriftkugel", die vor dem Rathaus in Unterföhring steht, soll auch in den Uffizien in Florenz zu sehen sein.

(Foto: Robert Haas)

Die Vorbereitungen zur Retrospektive des großen Bildhauers in den Uffizien stehen vor dem Abschluss. Trotz der Reibereien zwischen den Beteiligten soll die große Werkschau in Florenz vom 20. Juni an zu sehen sein

Von Sabine Reithmaier, Landshut

Die Post ist manchmal schon recht langsam. Alexander Putz seufzt am Telefon ein bisschen. Hat doch der offizielle Leihvertrag, den die Fritz- und Maria-Koenig-Stiftung wegen der großen Koenig-Retrospektive mit den Uffizien abschließen will, fast vier Wochen von Florenz nach Landshut gebraucht. Abgestempelt ist der Brief in Italien am 20. Dezember. Erst am 18. Januar ist er auf dem Tisch des Landshuter Oberbürgermeisters gelandet, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung ist. Endlich muss er sich nicht mehr sorgen. "Wir sind sehr interessiert an der Ausstellung und tun alles dafür", sagt Alexander Putz und bekundet mehrmals, wie froh er sei, dass sich das Rätsel endlich gelöst habe.

Zur Ehrenrettung der Post sei gesagt: Nicht überall brauchte sie so viel Zeit. Das Landshuter Hans-Leinberger-Gymnasium, das seine "Große Flora" ebenfalls nach Florenz ausleiht, habe den Vertrag schon am 8. Januar erhalten, berichtet Putz. Das Rathaus Unterföhring, das seine "Große Bilderschriftkugel" (1974) in die Uffizien schickt, teilt mit, der Brief sei am 5. Januar eingegangen.

Aber irgendwie passt die verzögerte Zustellung zur Vorgeschichte der Ausstellung und zu den, wie Putz es nennt, "missverständlichen Darstellungen" und "halböffentlichen Vorwürfen", die suggerieren, Stiftung und Stadt würden die Ausstellung behindern. Was natürlich, sagt Putz, überhaupt nicht stimmt.

Ein bisschen war von Anfang an der Wurm drin. Das ging schon los, als Alexander Rudigier, Kunsthändler und langjähriger Freund Koenigs, Anfang Mai 2017 Stefanje Weinmayr fragte, was sie von einer Ausstellung in den Uffizien halten würde. Die Leiterin des Landshuter Skulpturenmuseums, das die Werke des im Februar 2017 gestorbenen Bildhauers birgt, fand die Idee gut, ebenso Eike Schmidt, der Direktor der Uffizien, der sofort erklärte, er wolle eine große Retrospektive Koenigs ausrichten. Er kannte Koenig seit 2010 persönlich, als er, von Rudigier eingeführt, den Bildhauer erstmals auf dem Vierseithof in Ganslberg, einige Kilometer nordwestlich von Landshut, besuchte.

Rudigier jedenfalls informierte am 3. Juni Reinhard Sax und Reinhold Baumstark, also den Geschäftsführer und den zweiten Stiftungsvorsitzenden, über diese guten Nachrichten. Eigentlich hätte, denkt man sich als naiver Außenstehender, daraufhin in der Stiftung sofort großer Jubel ausbrechen müssen. Die Uffizien sind schließlich eines der meist besuchten Museen der Welt. Eine sechsmonatige Ausstellung dort dürfte den Wert der Werke Fritz Koenigs auf dem Kunstmarkt erheblich steigern und den Namen des Künstlers in der Kunstgeschichte verankern.

Koenigs internationale Bekanntheit beruht weitgehend auf seiner "Große Kugelkaryatide", auch "The Sphere"genannt, die am 11. September 2001 den Einsturz der Türme des World Trade Centers in New York beschädigt überstand und heute als Mahnmal im Liberty Park in der Nähe ihres ursprünglichen Standortes steht. Davon abgesehen war es in den Neunzigerjahren ruhig geworden um den Bildhauer, der nicht viel vom zeitgenössischen Kunstmarkt hielt. Daher müsste eine Uffizien-Ausstellung ganz im Sinne einer finanziell nicht rosig gebetteten Stiftung sein.

Aber Rudigier erhielt keine Antwort auf sein Schreiben. Dass es trotzdem angekommen sein musste, erfuhr er Ende Juni am Telefon, als ihm der einigermaßen überraschte Eike Schmidt von einem Besuch Baumstarks erzählte. Dem Uffizienchef gegenüber hatte sich der ehemalige Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen als alleiniger Ansprechpartner der Stiftung für die Ausstellung präsentiert. Und sich anscheinend nicht besonders nett über Rudigier geäußert.

Einem Kunsthändler Eigennutz zu unterstellen, ist per se kein verbotener Gedanke. Der in London lebende Rudigier, der sich als "Mann der Renaissance" bezeichnet, handelt bislang nicht mit zeitgenössischen Werken, sondern ist auf Kunst vor 1800 spezialisiert. Werke von Koenig sammelt er schon seit 2005, "als Privatmann", wie er sagt. Bislang hat er noch kein Stück verkauft. Daher ist es verständlich, dass sich Rudigier, der in der Zwischenzeit bereits Oberbürgermeister Putz von seiner Idee erzählt hatte, ziemlich sauer reagierte. Er sei der "Ideator dieser Ausstellung", teilte er dem spontanen Florenz-Besucher mit und warf ihm eine "Art unwürdigen Diebstahl" und "dreistes Trittbrettfahrertum" vor. Weil Baumstark auf seinen ersten Brief nicht reagiert hatte, schickte er ihn auch an Putz. Warum sich nun der Oberbürgermeister gar nicht über Baumstarks Alleingang aufregte, sondern nur über Rudigiers Brief, bleibt eines der Rätsel dieser Geschichte. Dem Kunsthändler teilte Putz jedenfalls am 3. Juli mit, er werde gemäß des einstimmigen Beschlusses des Stiftungsvorstands nicht mehr in die konkreten Projektplanungen eingebunden. Dumm nur, dass sich in einer Sitzung des Kultursenats am 24. Juli herausstellte, dass es den einstimmigen Beschluss nie gegeben, der Bürgermeister also einen nicht wahrheitsgemäßen Brief verfasst hatte.

Aber solche Kleinigkeiten regen in postfaktischen Zeiten niemanden mehr wirklich auf. Also schloss man eine Art Burgfrieden in der Einsicht, dass es allein dem Uffizien-Direktor oblag, festzulegen, mit wem er als Kurator der Ausstellung zusammenarbeiten wolle. Erschüttert wurde der Frieden durch einige Störfeuer - zu nennen wäre die in letzter Sekunde abgesagte Versteigerung von Koenigs Mobiliar, die die sichere Zerschlagung des Ganslbergs bedeutet hätte. Um die Zukunft des Anwesens wird derzeit noch gerungen, während das Skulpturenmuseum bereits in die städtischen Museen eingegliedert ist, wogegen sich Koenig immer gewehrt hatte.

Eicke Schmidt jedenfalls legt Wert auf die Feststellung, dass die Ausstellung ohne die Mitarbeit von Stefanje Weinmayr und Alexander Rudigier nicht möglich wäre. Das steht jedenfalls in seiner Mail vom 15. Januar an Putz und den gesamten Stiftungsvorstand. Was ausgeliehen werden soll, weiß die Stiftung seit Monaten. Aber formlose Listen seien keine Vertragsgrundlage, sagt Putz. Bevor er den Vertrag unterschreibt, muss noch der Stiftungsvorstand zustimmen - "da sehe ich keine Probleme" - und auch der Stadtrat gefragt werden; schließlich beteiligt sich die Stadt mit 50 000 Euro an der Ausstellung.

Und dann wäre eigentlich Zeit für allgemeine Freude. Eröffnet wird die Retrospektive am 20. Juni, dem Geburtstag Fritz Koenigs. In den Boboligärten werden seine Großskulpturen ausgestellt, während elf Säle einen Überblick über Koenigs gesamtes grafisches und plastisches Werk geben. Von der Gartenfassade werden lange Fahnen mit Fotoporträts Koenigs hängen, die "Große Flora" des Leinberger Gymnasiums soll im Garten vor dem berühmten Florenz-Panorama aufgestellt werden. Und Franz Herzog von Bayern, einer der allerersten Kunden Fritz Koenigs, hat die Schirmherrschaft übernommen.

Viel Ehre also für den Landshuter Künstler. Kein Wunder, dass Eike Schmidt "gewisse Niederungen lokaler Machtkämpfe" in Zusammenhang mit dem Erbe Fritz Koenigs aus der Ferne "mit Befremden" verfolgt. Ihn irritiert, dass der eben erschienene Werbeflyer des Skulpturenmuseums mit keinem Wort auf die Uffizien-Ausstellung hinweist. Aber das habe einen einfachen Grund, sagt Putz. Der Flyer bildet nur das Programm des ersten Vierteljahrs ab. Und die Retrospektive beginnt eben erst im zweiten. Was soll man da noch sagen.

© SZ vom 22.01.2018
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