Chronik Ansichten einer Lehrerin

Josephine Hartlmaiers Notizen bieten packende Einblicke in das Land- und Stadtleben der angeblich so guten alten Zeit

Von Hans Kratzer, Weilheim

Als München im August 1886 den 100. Geburtstag von König Ludwig I. feierte, "regte es sich in den Straßen wie in einem Ameisenhaufen". Das schreibt die Zeitzeugin Josephine Hartlmaier (1869-1957), die diesen Jubeltag minutiös dokumentiert hat. Von ihr erfahren wir auch, dass der Festzug mit einem außergewöhnlichen Unglück endete. Inmitten des Wogens und Drängens auf den Straßen "stürzte auf einmal ein Elefant in wildem Dahinstürmen mit weit nach vorn gestrecktem Rüssel daher". Eine pustende Dampfmaschine hatte ihm Angst eingejagt. Es folgten weitere Elefanten, eine Panik machte sich breit. Dann sprengten Pferde mit Schutzmännern heran, Fensterscheiben gingen zu Bruch, Menschen wurden verletzt, eine Frau wurde zu Tode gedrückt.

Die kürzlich publizierte Chronik der Josephine Hartlmaier enthält viele weitere bemerkenswerte Ereignisse. Es handelt sich um ein einzigartiges Dokument, das hilft, die Vergangenheit besser zu verstehen. Und es belegt nachdrücklich, dass heutzutage selbst eine gutbürgerliche Existenz des 19. Jahrhunderts in materieller, gesundheitlicher und weltanschaulicher Hinsicht nicht mehr erstrebenswert wäre.

Lange Zeit war es ein beliebter Brauch, speziell die Prinzregentenära vor dem Ersten Weltkrieg, als "die gute alte Zeit" zu verklären. Nostalgisch aufgeladene Fernsehserien wie das "Königlich Bayerische Amtsgericht" verstärkten dieses Grundgefühl. Die Realität sah ganz anders aus, das zeigt die Hartlmaier-Chronik eindeutig. In elf dicken Wachstuchheften hielt die Lehrerin auf mehr als 1200 Seiten handschriftlich fest, wie sie ihre politische und gesellschaftliche Umgebung von 1869 bis 1939 erlebte - mit einer sehr genauen, oft auch ironischen Sicht auf die Mitmenschen. Die Familie des Hartlmaier-Enkels Walter Gronauer hatte die Hefttexte in jahrelanger Feinarbeit transkribiert. Dem Weilheimer Verleger Christian Hörter ist es zu verdanken, dass dieser zeitgeschichtlicher Schatz nun als handliches Buch vorliegt.

Das Foto zeigt Josephine Hartlmaier mit ihrem Mann Joseph im Jahr 1894. Da auch er Lehrer war, musste sie nach den damaligen rigiden Vorschriften auf ihre Lehrerkarriere verzichten.

(Foto: Berta-Verlag)

Hartlmaiers unbestechlicher Blick und ihre lebhafte Sprache erhellen bekannte historische Ereignisse aus einem besonderen, nicht selten solitären Blickwinkel. Dabei war auch sie in der Frauenrolle der damaligen Zeit quasi gefangen. Familie und Kinder betrachtete sie als das höchste Gut, das sie in der statischen Ordnung des 19. Jahrhunderts erlangen konnte. Und doch sah sie diese Welt weitsichtig zerbröckeln, sie beschreibt es nüchtern: "Seitdem die Familie aufgehört hat, im behaglichen Heim den höchsten Reiz des Daseins zu suchen, seitdem man jeden Sonntag hinausdrängt zum Sport auf Seen und Berge, ist die Ehe nicht mehr der sichere Hafen für Mädchen. Viele jüngere, hübschere, feschere Dämchen lernt der Mann da kennen, wie oft ist er mit seinem Weib nicht mehr zufrieden. Das stetige Hinausschwärmen ist der Ruin der Familie. Darum so viele Ehe-Scheidungen." Die Zwänge, in denen sie als angehende Lehrerin steckte, beschreibt sie ebenso schonungslos. Sie war den Schikanen der vorgesetzten Lehrerfamilie ausgesetzt, den Übergriffen eines Pfarrers, später der Hysterie der Schwiegermutter, sie lebte ständig frierend in ungeheizten Wohnungen, auch in Wintern wie jenem von 1929, in dem es vor lauter Kälte wochenlang kein Wasser gab.

Der Leser erhält packende Einblicke in das Alltagsleben von der Zeit König Ludwigs II. bis zum Zweiten Weltkrieg. Josephine Hartlmaier wuchs nahe der Münchner Residenz auf. Dort erlebte sie im Juni 1886 die Aufbahrung Ludwigs II. in der Hofkapelle. "In meinem Leben vergesse ich diesen Anblick nicht. Drei Tage mühte sich das Volk, den toten Herrscher zu sehen. Das Vordringen war mit Lebensgefahr verbunden, trotz Militäraufgebot."

Die längste Zeit ihres Lebens verbrachte die Mutter von sechs Kindern in Weilheim, von 1911 bis 1957. Ihre Schilderungen der NS-Zeit in Weilheim belegen, wie schnell sich plötzlich alle Werte umkehrten und die Menschen ihre Gesinnung änderten. Hartlmaier behält auch hier einen klaren Blick: "Hitler wird verhimmelt. Zu verwundern ist, dass sich auch die früheren Offiziere auf diese Seite schlagen." Sie stellte fest, dass plötzlich Unfähige an der Spitze der Staatsverwaltung standen, dass "ein dem Fraß und Trunk ergebener Postler" eine führende Stelle bekam, dass ein anderer "trotz seiner angeborenen Dummheit" Bauernführer wurde. Und sie notierte, wie "die vom Arbeitsdienst wie beutegierige Geier über Weilheims Mädels herfielen und manches junge Ding Mutter geworden ist". Und weit vor der Erfindung der modernen Fake News ahnte sie kraft ihres klugen Verstandes, dass sie nicht allem trauen durfte, was sie an offiziellen Nachrichten las und hörte. Die 1939 von ihr zitierte Nachricht, Polen seien in deutsches Grenzland eingefallen, ergänzte sie mit dem Satz: "So wurde es zumindest in den Medien des Deutschen Reiches dargestellt."

In Wachstuchhefte hielt Josephine Hartlmaier ihre lesenswerten Erinnerungen in den Jahren von 1869 bis 1939 fest.

(Foto: Berta-Verlag)

Walter Gronauer (Hrsg.), Josephine Hartlmaier - Erinnerungen an München, Anzing, Wangen, Bergkirchen, Weilheim, Berta-Verlag, 29,90 Euro.