Brandanschlag in Vorra "Es ist Ausdruck einer bodenlosen Barbarei"

Michael Helmbrecht ist Vorsitzender der Allianz gegen Rechtsextremismus.

(Foto: oh)
  • 40 Kilometer entfernt von Vorra wurde der Vorsitzende der Allianz gegen Rechtsextremismus 2011 Opfer eines vermutlich rechtsextremistisch motivierten Anschlags.
  • Im Interview mit der SZ spricht er über die Doppelzüngigkeit mancher Politiker, warum man mit Worten vorsichtig sein sollte und die Kick-out-Kultur in Deutschland.
Von Olaf Przybilla

Michael Helmbrecht, 56, ist Vorsitzender der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg, eines Bündnisses von 290 Kommunen und Initiativen in Franken und der Oberpfalz. Der Hochschullehrer für Sozialwissenschaften lebt bei Gräfenberg, das jahrelang von Neonazis heimgesucht wurde. 2011 ist er Opfer eines Anschlags geworden.

SZ: Herr Helmbrecht, was war Ihre erste Reaktion auf die Anschläge von Vorra?

Michael Helmbrecht: Ich war bestürzt, und ich war unglaublich zornig. Es ist Ausdruck einer bodenlosen Barbarei, dass Menschen, die geschunden sind, dass diesen Menschen die Herberge zerstört wird. Das ist aber nur die eine Seite. Das andere muss ich leider gleich anfügen: Mich hat die Doppelzüngigkeit der sogenannten politischen Eliten unglaublich geärgert.

Was meinen Sie?

Einige Tage zuvor hatte man vorzuschreiben versucht, dass Migranten auch zu Hause Deutsch zu sprechen haben. Dann brennen Flüchtlingsheime. Und dann beschwört man plötzlich wieder die Willkommenskultur in diesem Land. Wo man leider zuvor in einer Reihe politischer Verlautbarungen den Eindruck bekommen konnte, hierzulande herrsche eine Kontrollkultur. Eine, ich sag mal: Kick-out-Kultur.

Sie sehen eine Verantwortung der Politik?

Absolut. Politiker sind darauf spezialisiert, die Wirklichkeit mit Worten zu konfigurieren. Mir soll keiner erzählen, dass das ein sprachliches Missverständnis war. Politiker sind auch darauf spezialisiert, mit Worten Macht zu organisieren. Ich fürchte, diese Deutsch-Debatte ist bewusst platziert worden, um sich anzuwanzen bei rechtspopulistischen Bewegungen, die gerade im Aufwind sind. Der Effekt ist aber: Das ist Öl für das Feuer, das andere entzünden.

Auf solche Thesen, auch von den Grünen vorgebracht, reagiert Ministerpräsident Horst Seehofer mit großem Zorn.

Kann sein. Der Sachzusammenhang ist aber offenkundig. Leider.

Hunderte Bürger bilden Menschenkette

"Wir in Vorra lassen uns nicht unterkriegen": Nach den Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte protestieren 300 Bürger mit einer Menschenkette gegen Fremdenfeindlichkeit. mehr ...

Seehofer sagt: In so einem Moment müssen die Demokraten zusammenhalten.

Ja, ich bin sehr dafür, dass Demokraten zusammenhalten. Nur Demokraten müssen sich auch einig sein darüber, dass Worte Wirklichkeiten erzeugen. Und dass Menschen solche abwertenden Worte als Legitimation benutzen. Von daher unsere dringende Bitte an die politischen Entscheidungsträger, mit Worten vorsichtig umzugehen. Und nicht nur an Weihnachten.

Die modellhafte Allianz gegen Rechtsextremismus gibt es seit fünf Jahren. Sie soll Kommunen, die von Neonazis heimgesucht werden, ein Instrumentarium an die Hand geben. Ist das gelungen?

Wir haben hier weiter eine hochaktive rechtsradikale Szene in Franken, auch wenn die Nazis in Gräfenberg nicht mehr einmal pro Monat marschieren. In den Städten gelingt es den Rechtsextremisten kaum, den öffentlichen Raum zu besetzen, deshalb versuchen sie, gezielt das Land, die kleineren Kommunen zu traktieren. Aber wir haben uns vernetzt und stehen zusammen. Natürlich haben wir sofort mit dem Bürgermeister von Vorra telefoniert und unsere Unterstützung angeboten.

Hunderte haben noch am Samstag am Schweigezug durch das Dorf Vorra teilgenommen, am Sonntag bildeten Menschen dort eine Menschenkette.

Das ist das unglaublich Erfreuliche, ja. Auf der einen Seite soll den Menschen Angst gemacht werden mit eindeutigen Botschaften. Auf der anderen Seite gibt es die überwiegende Mehrheit derer, die sich keine Angst machen lassen. Die sich auf die Straße stellen und Gesicht zeigen.

Haben Sie Angst vor dem Erstarken rechtsradikaler Strukturen?

Zunächst hat das Verbot des Freien Netz Süd sicherlich etwas gebracht, um das einzudämmen. Das rechtsextreme Kameradschaftsnetz war ja in Gräfenberg, etwa 40 Kilometer entfernt von Vorra, besonders aktiv. Aber die gleichen Figuren haben sich inzwischen im sogenannten Dritten Weg neu organisiert. Ich habe den Eindruck: Die Neonazis gerieren sich derzeit nicht mehr so offen. Sind aber latent mindestens noch genauso stark aktiv. In unserer Allianz haben viele die Sorge, dass sich die Situation gerade noch verschärfen könnte. Und die Sorge, dass sich Einzeltäter legitimiert fühlen könnten durch die Menschen, die innerhalb dieser "Pegida"-Demonstrationen ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", Anmerkung der Redaktion) auf die Straße gehen.

Sie wurden vor drei Jahren selbst Opfer eines Anschlags mit mutmaßlich rechtsextremistischem Hintergrund.

Im Dezember 2011 wurde mein Auto in der Nacht nahezu komplett zerstört, ja. Die Reifen wurden aufgestochen, Scheiben eingeschlagen, Schlösser mit Bauschaum zugeklebt. Unser Wohnhaus bei Gräfenberg wurde attackiert mit Buttersäure, zum Teil ist das heute noch zu riechen. Das war wohl der Gipfel eines Bedrohungsszenarios, das die Nazis jahrelang gegen mich als den Vorsitzenden einer Allianz gegen Rechtsextremismus aufgebaut hatten. Die Ermittler haben sich wirklich sehr bemüht, das aufzuklären. Leider ohne Erfolg. Aber einschüchtern lassen wir uns nicht.