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Bischofsweihe:Der Umjubelte

Bischofsweihe in Passau

Etwa 5000 Menschen feierten begeistert ihren neuen Oberhirten Stefan Oster, der als 85. Bischof von Passau die Nachfolge von Wilhelm Schraml antritt.

(Foto: dpa)

Selten ist ein Bischof herzlicher empfangen worden als Stefan Oster in Passau. Der 48-Jährige wird als glaubensfest und motivierend beschrieben - nur ein Reformer sei er nicht.

Natürlich, der Herr von den Maltesern bekommt auch noch sein Gruppenfoto. Und sogar die Frau mit dem Dortmund-Trikot wird überschwänglich begrüßt, obwohl Stefan Oster ja bekennender Fan des FC Bayern ist. Drei Stunden sind seit der Weihe des neuen Passauer Bischofs vergangen, die Sonne neigt sich am Horizont, doch im Festzelt wird immer noch geherzt, gelacht, umarmt. Die Gratulation will kein Ende nehmen, Oster schüttelt Hände, schreibt Widmungen, sein violettes Scheitelkäppchen ist längst verrutscht. Selten ist ein neuer Bischof in seinem Bistum herzlicher empfangen worden als der 85. Oberhirte von Passau. Selten lagen die Erwartungen höher.

Eineinhalb Jahre hatten die Passauer auf einen neuen Bischof warten müssen, mancher scherzte schon, das Bistum werde wohl bald Österreich zugeschlagen. Nun sagen die Menschen, sie seien umso reicher entschädigt worden. Offen und tiefgründig sei Stefan Oster. Dass er die Leute glaubwürdig anspreche. Und dass er sich trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs nicht in der Theorie verliere. Wie sehr der gebürtige Amberger die Sprache des Volkes spricht, zeigt sich in seinen ersten Worten auf dem Domplatz. Seinen Jugendlichen aus Benediktbeuern habe weniger imponiert, dass er Bischof geworden sei, ruft Oster in kräftigem Bairisch, sondern dass er kraft Amtes nun auch einer Brauerei vorstehe: "Und jetzt feiert's no a bissl."

Ehe er Philosophie studierte, ließ sich Oster bei einer Zeitung zum Journalisten ausbilden

Auch wenn das Bistum Passau mit 480 000 Katholiken zu den kleineren Diözesen zählt, rückt es am Samstag bundesweit in den Mittelpunkt. Oster, 48, ist nicht nur der Jüngste unter den 27 deutschen Bischöfen, sondern der Erste, der vom neuen Papst ernannt wurde. Wie der Jesuit Franziskus entstammt auch er einem Orden: den Salesianern Don Boscos, die sich der Jugendarbeit verschrieben haben und für eine zeitgemäße Ansprache bekannt sind. "Ein kommunikativer Mensch" sei Stefan Oster, lobt denn auch Kardinal Reinhard Marx, der ihn in sein Amt einführt, "Gott sei's gedankt". Der Münchner Erzbischof weiß nur zu gut, dass die Vermittlung des Glaubens heute ebenso wichtig sein kann wie dessen Inhalte.

So gesehen ist Oster bestens geschult: Ehe er Philosophie studierte, ließ er sich bei einer Tageszeitung zum Journalisten ausbilden, arbeitete als Moderator bei einem Radiosender und verdiente sich Geld als Jongleur und Clown dazu. Erst mit 36 Jahren ließ er sich als Spätberufener zum Priester weihen. Seine Doktorarbeit über den Regensburger Philosophen Ferdinand Ulrich ("Mit-Mensch-Sein"), den er als väterlichen Freund bezeichnet, schloss er mit höchsten Auszeichnungen ab. Er unterrichtete bei seinem Orden an der Theologischen Hochschule Benediktbeuern, Wegbegleiter beschreiben seine Lehrveranstaltungen als locker und dialogisch, aber immer auf hohem Niveau. Aber kann ein einzelner Mensch der unglaublichen Euphorie gerecht werden?

Schon drei Stunden, bevor die Weihe beginnt, nehmen erste Besucher auf den Bierbänken vor dem Stephansdom Platz, gut 5000 Menschen werden dem Bischof später in einem Fahnenmeer zujubeln. Die Innenstadt ist weitgehend gesperrt, Shuttle-Busse karren die Menschen heran. Nur wenige von denen, die sich geduldig in die Schlange vor dem Dom einreihen, werden einen Platz bekommen. Gut eine Viertelstunde dauert es, bis Oster vom Hauptportal zum Altar gezogen sein wird. Immer wieder winkt er mit beiden Händen, einmal rutscht ihm ein Victory-Zeichen raus. Er singt mit, wenn Jugendliche aus Benediktbeuern ein Lied vortragen, und legt Wert darauf, dass sie ihn auch künftig duzen. Seine Augen sind feucht vor Rührung, wenn er seinen Eltern dankt, dazu immer wieder dieses entwaffnende Lachen. Lokale Medien vergleichen Oster bereits mit dem Schauspieler George Clooney, Frauen denken eher an den Achtziger-Jahre-Straßenfeger "Die Dornenvögel". Nur schöner als Pater Ralph sei der Pater Stefan.

Mit Schubladendenken kann der neue Bischof wenig anfangen

Der neue Bischof dürfte in anderen Kategorien denken. Er habilitierte sich als Dogmatikprofessor beim Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, einem Schüler des Glaubenspräfekten Gerhard Ludwig Müller. Menschen bräuchten Räume und Gemeinschaftserfahrungen, in denen vertiefte Gläubigkeit konkret erfahrbar wird, predigt Oster. Er weiß: Auch das Bistum Passau, das mit mehr als 80 Prozent den höchsten Anteil von Katholiken in einem deutschen Bistum stellt, werde sich nicht ewig auf eine gottgegebene Volksfrömmigkeit verlassen können. Glaubensfest und mitreißend motivierend sei Oster, sagen Menschen, die ihn kennen. Ein Reformer sei er nicht.

Der neue Bischof kann mit Schubladendenken wenig anfangen. Die Kirche dürfe sich nicht in Lager einsortieren lassen, die am Ende gegeneinander stünden. Natürlich gebe es konservativere und liberalere Christen, "aber wir müssen aufpassen, nicht gegenseitig zum Klischee und zur Karikatur zu werden", mahnt Oster: "Verteufeln wir einander nicht gegenseitig, nur weil einer zum vermeintlich anderen Lager gehört." Nicht nur die Gläubigen haben diese Botschaft empfangen, auch die mehr als 20 Bischöfe im Stephansdom dürften sie verstanden haben.

Auch die Amtszeit von Osters Vorgänger Wilhelm Schraml, 78, war zuletzt von zahlreichen Konflikten geprägt: Priester begehrten offen gegen ihren konservativen Oberhirten auf, Katholiken demonstrierten vor dem Dom gegen eine vermeintlich ungerechtfertigte Versetzung ihres Pfarrers. Oster stammt aus einer anderen Generation, auch das mag seine Beliebtheit erklären. Doch er ahnt, dass es nicht dabei bleiben wird. Natürlich werde er Entscheidungen treffen müssen, die dem ein oder anderen nicht schmecken werden, sagte er dem Bistumsblatt, etwa bei Umstrukturierungen oder Personalien. Vor allem aber wolle er "einfach raus ins Gelände und die Menschen treffen" - es gibt schlechtere Vorsätze für einen Bischof.