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Beckstein und Frankenberger im Interview:"Auseinandersetzungen waren früher härter und viel grundsätzlicher."

SZ: Sind die Wähler ungeduldiger geworden?

Beckstein: Ja und nein. Es gab Zeiten, in denen die Wähler viel politisierter waren. Wenn ich früher mit der Spitze des Bauernverbandes, mit Wirtschaftsverbänden, der Kirche und dem Lehrerverband gesprochen habe, wusste ich, was viele Menschen in Bayern denken. Wenn ich mich heute mit der Verbandsspitze auf etwas einige, kommt drei Tage später irgendein ein Teilverband und sagt: Alles Quatsch. Die Menschen lassen sich die Vertretung ihrer Interessen nicht mehr einfach von einem Verband abnehmen. Sie haben mehr Kommunikationsmöglichkeiten, da spielt das Internet eine ganz große Rolle. Daher ist es viel schwieriger geworden, Meinungen zu bündeln.

SZ: Wäre Ihr Erfolg ohne Internet möglich gewesen?

Frankenberger: Viel wichtiger waren die 80 Aktionskreise auf dem Land. Das Internet ist wichtig, aber dennoch muss man die Leute direkt ansprechen.

SZ: Als Sie anfingen, war die Kriegsgeneration an der Macht. Heutige Politiker sind im Wohlstand aufgewachsen. Wie prägt das den Diskurs?

Beckstein: Wer das Dritte Reich erlebt hatte, der wusste natürlich auf einer ganz anderen Ebene, was Politik bedeutet, welchen Wert der Rechtsstaat hat. Mich hat die deutsche Teilung geprägt. Wir haben jedes Jahr an der Grenze Sonnwendfeuer gemacht, die man auch in der DDR gesehen hat. Wenn ich kirchliche Gruppen in der DDR besuchte, dann ging das weit tiefer als der Nichtraucherschutz oder der Bau eines Bahnhofs.

SZ: Also Herr Frankenberger, Sie betreiben "Politik light"?

Frankenberger: Nein, mir schwebt eine Politik vor, die an den gesamten Planeten und künftige Generationen denkt. Natürlich redet sich darüber einfacher, wenn man bereits ein gewisses Level an Wohlstand erreicht hat. Aber meine Generation muss jetzt andere Probleme angehen. Wir haben definitiv große Auseinandersetzungen. Die Frage, wie man mit der Dritten Welt umgeht, die Globalisierung, die Klimakatastrophe.

SZ: Sie sind ein Schwarzgrünroter. Ist das der neue Typus des Politikers?

Frankenberger: Der neue Typus des Politikers sollte sich immer wieder in Frage stellen und seinem Gewissen verpflichtet sein. Er sollte wie ein Indianerhäuptling einen Eid bis auf die siebte nachfolgende Generation ablegen.

Beckstein: Es ist selbstverständlich, dass man nicht die eigenen Interessen in den Mittelpunkt stellt, sondern verantwortungsbewusst handelt, auch gegenüber den Kindern und Enkeln. Die Gerechtigkeit gegenüber der Dritten Welt definiere ich auch genauso. Trotzdem: Auseinandersetzungen waren früher härter und viel grundsätzlicher.

SZ: Auf Parteiversammlungen haben nur Angepasste Erfolg.

Beckstein: Was Herr Frankenberger macht, das gleicht der normalen Laufbahn eines CSU-Abgeordneten: Erst ist er bei der JU, dann fällt er durch eigene Gedanken auf, tritt allerdings nicht aus, sondern macht in den Gremien weiter und kommt irgendwann in den Landtag.

Frankenberger: Dann hat er seinen Idealismus komplett verloren und sich der Parteiräson untergeordnet.

Beckstein: Das ist Ihre Unterstellung. Man sollte den anderen schon auch guten Willen zubilligen. Ich halte auch Claudia Roth aus, über deren Entscheidungen ich mich bisweilen ärgere. Trotzdem bin ich mit ihr befreundet, sie ist für mich der Prüfstein für Toleranz! (lacht)